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VW K70. Reise in die 70er - Teil 1

Geschrieben von: Sandmann am 24.07.09  » Klassiker - Artikel

Ein buntes Bilderbuch für erwachsene Autoliebhaber

Jake und Elwood auf der Autobahn
5 Tage Retro Tour mit einem 1971er VW K70 und Klamotten aus den 70ern
JA. Wir haben es getan. Eine kleine Blog-Community, unsere Familien, Freunde, Bekannte und der Chef Nikolaus Eickmann erklärten den Örg und mich (zurecht) für völlig bescheuert. Trotzdem haben wir den alten K70 auf die allerletzte Minute einigermaßen fahrtauglich bekommen. Und sind unterwegs. Wir schreiben das Jahr 2008. Es ist 35 Jahre her, dass meine sich in Auflösung befindliche Familie mit einem VW K70 Urlaub auf dem Bauernhof machte. Im Pfälzer Wald, auf dem Stüterhof. In stilsicherer Klamotte rollen wir mit einem 37 Jahre alten Volkswagen durch die Republik, auf den verbliebenen Spuren von Kalle, Inge, Anita und Sandmann…

Zulassungsstelle Kiel. Das kann dauernWenn schon, denn schon. Da zunächst ein Kurzzeitkennzeichen gekauft werden muss, beginnt die Reise in aller Frühe an diesem Montag auf der kieler Zulassungsstelle. Da kennt man mich ja schon, also gehen wir kein Risiko ein und laufen schon um 7.15 Uhr direkt in den 70er Outfits ein. Auch wenn die gezogene Wartenummer nicht einmal im Ansatz etwas zu tun haben scheint mit der stagnierenden Aufruftafel, werden wir irgendwann gegen 8.00 Uhr in ein Hinterzimmerchen gebeten und halten kurz darauf die entspannende Erlaubnis in der Hand, den KaSi 5 Tage lang versichert und versteuert bewegen zu dürfen.

 

Papa Kalles altes Kennzeichen!Prägen Sie sich diese Nummer ein. Damals ein Wunschkennzeichen, heute ein Wunschkennzeichen. Papa Kalle favorisierte 1973 seine Anfangsbuchstaben auf der Blechtafel, und um möglichst authentisch zu sein nehmen wir zwei eben solchen Schilder mit. So. Krawatten sitzen, die Synthetik-Hemden spannen ein wenig um den Oberkörper, die Stoffhosen geben allen wichtigen Organen Luft zum Atmen. Dicke Retro-Jacken für schlechtes Wetter und einen ganzen Haufen Zeugs aus der Zeit lagern im riesigen Kofferraum der NSU-Entwicklung. Der Tank ist voll. Ich denke, es kann losgehen.

Strecke machen. Per Mail teilte man mir mit, dass wir bis 19.00 Uhr heute Abend noch warmes Essen bekommen könnten, und für das warme Essen ist der Pfälzer Wald berühmt berüchtigt. Jetzt ist es 9.00 Uhr. Die Zeit sollte für 700 Kilometer ausreichend sein, zumal Petrus sich von seiner besten Seite zeigt und die goldene Oktobersonne über die bunten Bäume zaubert. Ganz wichtig: Nicht bremsen. Die vorderen Bremssättel sind leidlich gangbar gemacht, aber irgendwie steckt noch Luft in den Leitungen zu den hinteren Trommelbremsen. Passiver fahren spart Benzin und ist bei schwachem Verkehrsaufkommen kein Problem… meistens…

Rastplatzromantik im OktoberWas riecht denn da? Ist das nicht verbranntes Gummi? Vernimmt die zwischen den Koteletten sitzende Retro-Nase nicht irgendwie einen Hauch Benzin? Kurz hinter dem Elbtunnel sind wir uns nicht mehr so sicher. Es gibt eine Faustregel, die besagt, dass beunruhigende Gerüche im eigenen Auto fast immer von einem voraus fahrenden Fahrzeug kommen. Aber wer vertraut schon gern Faustregeln? Außerdem dreht das Triebwerk im mittleren Drehzahlbereich ein wenig müde, schauen wir demnach einmal unter die Motorhaube. Alles ist gut, kein Gummi brennt, kein Benzin leckt. Nur ein grüner Schlips hängt gefährlich weit in den Motorraum. Mit dem Klassiker "Jetzt helfe ich mir selbst" sind die Gemisch-Schrauben des Solex-Doppelvergasers zügig lokalisiert. Mutig ein wenig hier gedreht, optimistisch ein wenig da geschraubt, und weiter Strecke machen.

Ihr schönstes passives Dahingleiten ist jäh vorbei, wenn Sie vor einer Baustelle ein Stauende überrascht! Örg tritt mit Schweißperlen auf der Stirn erstmalig beherzt in die Eisen, was der KaSi auch mit guter Verzögerung quittiert. Nur… jetzt ist sie wieder fest, die hintere Trommelbremse. Es rubbelt und schubbert, es verzögert und erhitzt. Wir müssen einen weiteren Boxenstop einlegen.

 
Und wieder die Bremsen. Guten Abend.
Und wieder die Bremsen. Guten Abend.
 
Jetzt helf ich mir selbst... zwangsläufig
Jetzt helf ich mir selbst... zwangsläufig
 

Nach dem Ablassen einer nennenswerten Menge heißer, zischender Luft aus dem rechten hinteren Entlüftungsventil bin ich in der Schulphysik wieder ein wenig weiter und schwöre mir darüber hinaus, nach unserer Tour die gesamte Bremsanlage durch Neuteile zu ersetzen. Ein paar Hammerschläge auf die mürrisch tickenden Bremstrommeln, und der Wagen ist wieder frei. Es kann weiter gehen. Strecke machen.

Shell Europa Atlas von 1973Wo müssen wir eigentlich lang? Immer nach Süden. Die A7 heißt in unserer Straßenkarte von 1971 noch A10 und führt uns über Hamburg, Hannover, Kassel und Göttingen auf die A5 nach Frankfurt. Auf meine Lisa, also mein Navi, haben wir bewusst verzichtet. Der Pfälzer Wald wird sich auch so finden lassen, oder? Die goldene Nachmittagssonne wabert durch die großen Fensterflächen, unsere Acrylhemden saugen nicht ein einziges Schweißmolekül auf und meine Finger pochen innerlich dumpf, getränkt und entwässert mit hygroskopischer Bremsflüssigkeit. Die Zeit läuft irgendwie weiter, da die Batterien für unseren Casettenrecorder nicht zu funktionieren scheinen, singen wir selbst. Bekannte Melodien aus Funk und Fernsehen. Smash-Hits von Dschinghis Khan, Udo Jürgens und Vicky Leandros. Die Texte kennt man irgendwie. Und wehe, es fällt etwas in den Fußraum! Oder man will womöglich die Sonnenbrille aus dem Handschuhfach holen! Nein. Die fest eingestellten Gurte machen ein Entfernen des Oberkörpers von der Sitzlehne unmöglich! Argh.

Deutschland freut sich. Kaum ein uns überholendes Auto, in dem nicht lachende und winkende Menschen sitzen. Einige machen Fotos, andere gucken ungläubig und lassen sich hinter uns zurück fallen, um uns noch einmal überholen zu können. Wieder andere strecken den Daumen hoch. Sehen sie in uns den Ausbruch aus der Spießigkeit, das Symbol für einen gelebten Traum? Hauptsache, sie sind fröhlich...

 
Auf den Schreck eine Capri Sonne
Auf den Schreck eine Capri Sonne
 
... prickelt soooo
... prickelt soooo
 

Als die rote und die orange Plastik-Thermoskanne beim besten Willen keinen Kaffee mehr hergeben wollen, satteln Örg und ich auf klassische Naschis um. Brausepulveroblaten, Cola-Lutscher, Kaugummikugeln von Hitschler, Kinderschokolade und dazu Caprisonne. Momentan noch ohne die Kotten, gedulden Sie sich bitte bis morgen. Das Leben kann so schön sein. Auch wenn ich meinen 1:1 Fußbremsen-Ausgleichs-Bremser hinlegen muss, der uns wie gehabt auf den nächsten Rastplatz bugsiert. Nun wissen wir ja, wo wir drehen und mit dem Hammer klopfen müssen.

Pinkelpause im SonnenuntergangAls die Abendsonne sich über Frankfurts Bankenviertel senkt und die Caprisonne wieder raus will, zeigt sich, dass 100 Stundenkilometer eine vermeintlich gute Reisegeschwindigkeit sind. Man fährt entspannt, allerdings kommt man nicht wirklich gut voran. Auf Höhe von Kaiserslautern verlassen wir kartografiertes Gebiet, werfen den alten Atlas auf den Rücksitz und vertrauen den Märchen des google-maps Routenplaners. Das ist also der Pfälzer Wald. Eine Menge bunte Bäume, und das Licht verschwindet langsam dahinter. Hätte ich die richtige Telefonnummer gespeichert, hätte ich beim Landhotel Schoner bescheid sagen können, dass es später wird. Aber nein. Ich entschuldige mich bei dem perplexen jungen Mann am anderen Ende der Leitung für meinen Zahlendreher, und wir fahren weiter ins Ungewisse. Ohne Karte, nur nach Gefühl. Ein fast schon weibliches Vorgehen. Und eine Leitung war das ja im Zeitalter der Mobiltelefone auch gar nicht. Alles wird gut.

Stüterhof, wir sind da!Wie ein Wrack bei einem nächtlichen Tauchgang erscheint in einer Linkskurve matt beleuchtet das erlösende Schild. Wir sind da. Es ist fast 19.30 Uhr, und es macht sich eine gewisse Nervosität in mir breit. Was erkenne ich wieder? Wie sieht die Pension jetzt aus? Wir poltern durch das mir noch gut bekannte Maschendraht-Tor (damals mit einem roten Katzenauge dran), und der Wald reißt auf zu einer großen Lichtung mit ein paar Häusern mitten drin. Hier ist es gewesen. Hier haben wir damals gewohnt. Hier fand der letzte gemeinsame Familienurlaub 1980 ein jähes Ende. Gänsehaut überspannt meinen ganzen Körper.

Prost. Belohnung für den Tag: BrotzeitEva Schoner, 28, hat den Laden hier übernommen. Anders als der K70 ist sie Baujahr 1980 und kann sich demnach nicht mehr an uns erinnern. Ihre Mutter sehr wohl, die uns mit stechendem Blick mitteilt, dass sie schon viel früher mit unserer Ankunft gerechnet hätte… Äh, die Telefonnummer war…. ach, egal. Wir bekommen eine phantastische Brotzeit mit hausgemachter Leberwurst, Schwartenmagen (klingt schlimm, ist köstlich!), Schinken und frischem Holzofenbrot. Dazu ein oder fünf prickelnde Bischoff... Wir sind tatsächlich angekommen! Wie weit draußen von allem in dieser Welt genau der Stüterhof ist, manifestiert sich in dem absoluten nicht-Vorhandensein eines Handynetzes. Keine Chance. Über ein W-LAN oder DSL reden wir hier ohnehin nicht. Wie soll ich denn da bloggen???

 
Wir sind am Rand der Welt
Wir sind am Rand der Welt
 
Ohne Netz und doppelten Boden
Ohne Netz und doppelten Boden
 

Ein Stück den alten Feldweg hoch, so sagt man uns, bekäme man wieder Empfang. Das probieren der Örg und ich gleich aus, und tatsächlich, wir bekommen eine spärliche Gelegenheit, ein paar Nachrichten und Wortfetzen loszuwerden. Die beunruhigten Zweifler sind informiert. Und jetzt ab ins Bett.

Gute Nacht, Jim-BobZimmer Nummer 3. Damals hieß es anders, aber es ist nachgewiesenermaßen das Zimmer, in dem meine Mama und mein Papa damals gewohnt haben. Genau hier. Im Treppenhaus riecht es mit Sicherheit genau wie früher, ein warmer, bäuerlicher Geruch, der Gemütlichkeit und das Vorhandensein von Tieren verspricht. Die Balkonecke und der Blick über die damals verschneiten Weiden auf den Wald ist mit den alten Fotos identisch. Örg und Sandmann fallen, angeschiggert von dem einen oder anderen Bischhoff-Premium-Pils, ermattet in das große bequeme Bett. Was für ein Tag. Was für Fotos. Morgen kommt der Auto Bild Fotograf, dann wollen wir der Vergangenheit einmal auf den Pelz rücken.

Vorläufiger Epilog Teil 1

Und dann? Eigentlich wollten wir uns mit Doktor Schlunz und Werner aus dem Forum heute Abend in Annweiler treffen, ein bisschen bloggen und sabbeln... Bis dann das UMTS-Netz da zusammenbrach. Und jetzt? Sind wir mitten in der Nacht mit einem K70, einem Passat und einem Audi V8 nach Landau gefahren, weil es da einen Telecom Hotspot im McDonalds gibt. Wo wir jetzt auch sitzen, aber hier geht UMTS auch wieder. Alles sehr verwirrend. Sieht doch alles ganz charmant aus, nicht wahr? Spaßig sentimentale Grüße aus der Vergangenheit senden

Sandmann und Örg

DAS WAR DAVOR

DAS KOMMT DANACH

 

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