Aus allen Ecken der Republik sind sie angereist, die Mitglieder und ihre ebenso eckigen K70. Der ständig die Regentropfen wegpolierende Franzose mit den gelben Doppelscheinwerfern steht zwischen dem bekannten, zerkratzten Ur-Modell aus Kiel, dem frisch cremeweiß lackierten Neufahrzeug aus dem Osten und dem Belgier, der in seinem Auto auf den Kopfstützenlosen Liegesitzen ein Mittagsschläfchen hält. Wattestäbchenpolierer kommen hier genau so auf ihre Kosten wie Alltagsbeweger. Gegner der typisch deutschen Vereinsmeierei zeigen sich angenehm überrascht: Ganz normale Menschen. Sehr angenehm. Man plaudert fröhlich mit Jörg, der den Club 13 Jahre nach Produktionsende mit gegründet hat, lacht mit Andreas, der an der Website bastelt, baut mit Uli diverse orange Relikte der 70er auf dem Kofferraum auf und fachsimpelt mit Mario bei geöffneter Haube über die verschiedenen kleinen Defekte.
Defekte. Die dürfen auch nach fast 40 Jahren sein - Ersatz gibt es nur noch gebraucht oder über den komplett von VW Classik Parts aufgekauften Teilepool des Clubs. Hier allerdings sehr günstig, die allermeisten Teile bekommt man als Clubmitglied zum Selbstkostenpreis, und der liegt noch unter denen vom Golf 3! An diesem wettermäßig eher durchwachsenen Sonntag haben wir zum Glück keine nennenswerten Ausfälle zu verzeichnen, lediglich der Magnetschalter eines Anlassers hängt fest und muss mit ein paar leichten Schlägen auf den Hinterkopf wieder zur Mitarbeit überredet werden. So etwas funktioniert angeblich nicht nur bei alten Autos. Helfende Hände finden sich überall, und die umstehenden Zaungäste freuen sich, einen weiteren Blick in den übersichtlichen Motorraum dieses großartigen Autos werfen zu dürfen.
Orange Zeiten. Nicht nur, seit die Niederlande bei der Weltmeisterschaft auf das runde Leder eintreten, nein, auch schon vor 40 Jahren. Und da ganz besonders. Uli hat ein paar himmlische Reliquien in seinem 580 Liter fassenden Kofferraum eingeführt und scheut sich nicht, diese auf seinem Kofferraumdeckel auszubreiten. Plattenspieler und LPs aus einer Zeit, als Schlager noch Volks-Musik waren, Maniküresets, Zahnputzbecher und Reisewecker. Alles so schön bunt hier! Und wissen Sie, was das allerbeste ist? Nebenan stehen ein paar nagelneue VW Caddys rum, die sich mit den gleichen Farben schmücken wie vor 40 Jahren die hier produzierte Mittelklasse mit dem vorn längs eingebauten wassergekühlten Vierzylinder. Alles kommt wieder. Auch die Farben, sie heißen heute nur ein wenig anders.
Top geplegte Autos im Originalzustand stehen in einer Reihe mit liebevoll restaurieten Exemplaren und diversen, mit reichlich Patina überzogenen Alltagsmobilen. Und Patina setzt er ganz gern an, Rostvorsorge kannt man damals noch nicht. Aber auch das hat des K70 mit seinen Fahrern gemeinsam, wir werden alle nicht jünger und man sieht uns die letzten 40 Jahre genau so an wie unseren Autos... Alle hier angesammelten VW K70 und ihre Fahrern vereint ein interessanter Mix aus Liebe zum Modell und selbstironischer Umgang mit den 70ern. Die behäkelten Klorollen, Aufbaulautsprecher und Wackeldackel auf den Hutablagen, die zeitgenössischen Farbgebungen (Rallyelack leuchtgelb mit schwarzen Streifen, und das auch noch original ab Werk!) und die Schmutzfänger mit VW Logo sprechen ihre eigene Sprache und bedürfen keiner Erklärung.
Und jetzt auch noch das Fernsehen! Ein fröhliches Team hält sich verzweifelt aber vergeblich versteckenden Autofahrern ein Mikrofon ins Gesicht und bittet die eigentlich Unbeteiligten, nicht direkt in die Kamera zu sprechen. Werksinterne Dokumentarvideos? Niedersächsische Lokalnachrichten? Das ließ sich vor Ort leider nicht ganz klären. Auch unklar ist, warum sich neben all den wunderschön erhaltenen Exemplaren die Damen und Herren ausgerechnet auf meinen zerkratzten, stumpfen und angerosteten K70 stürzen und mir sogar beim Verlassen des Werksgeländes (mit Choke und bauartbedingt nur zwei sauber mitlaufenden Zylindern) noch hinterherfilmen... Hat das zufällig irgend jemand im Fernsehen gesehen?
Die Autobahn bringt mich wieder die heute schon einmal abgespulten 300 Kilometer zurück nach Kiel. Ich ignoriere den erneuten Stau bei Hannover wegen einer Baustelle, sehe darüber hinweg, dass mein Radio in Niedersachsen irgendwie keine Sender empfangen will und teste später am Abend doch noch einmal aus lauter Entspannung die Höchstgeschwindigkeit unter normalen Fahrbahnbedingungen.
Wegen der kurzen Übersetzung macht das aber wie eingangs erwähnt nicht sehr lange Spaß, und mein KaSi beschwert sich zurecht über die hochtourige Volks-Tortur. Also falle ich wieder zurück in die gleitenden 120 Stundenkilometer und komme unglaublich entspannt und glücklich nach einem schönen Tag wieder nach Hause. Mehr davon, meine Damen und Herren. Eine schöne und etwas umfangreichere Bildergalerie gibt es dieser Tage im Onlineportal von Autobild. Dieses Auto wird noch oft über die Straße rollen... Er wurde oft als Flop bezeichnet, der VW K70. Heute verbreitet er ausschließlich gute Laune.
Sandmann
Noch ein paar Details zum VW K70? Bitte sehr:
- Informationen: http://www.k70-club.de/
- Hersteller: Volkswagenwerk AG
- Produktionszeitraum: 1970 - 1975, 211.127 Stück
- Karosserieversion: Limousine viertürig, Mittelklasse
- Motoren: 4 Zylinder Reihe, 1605cm³ mit 75PS und 90PS und 1807cm³ mit 100PS, Wasserkühlung
- Antrieb: Vollsynchronisiertes 4-Gang-Schaltgetriebe, Frontantrieb
- Achsen: Hinten Schräglenker mit Federbeinen,vorn Querlenker mit Federbeinen und Stabilisator
- Maße: L x B x H 4455 x 1685 x 1450 mm
- Leergewicht 1060 - 1100 kg
- Höchstgeschwindigkeit 148 - 162 km/h
- Verbrauch: 9,4 - 11,0 Liter (Werte von 1970)
Und HIER geht es zur Bildergalerie und dem Artikel bei Autobild.de


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