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Sind Sie noch ganz dicht?

Geschrieben von: Sandmann am 01.12.08  » Menschen und Maschinen - Artikel

Das Ende der Inkontinenz

Geneigter Leser,

Am offenen Herzenden Aufmerksamen unter Ihnen wird es über die Jahre nicht verborgen geblieben sein: Mein Audi V8 nässt sich ein. Mal mehr, mal weniger, aber immer wieder und dann reichlich. Schmierige rote Kühlwasserbrühe verteilt sich unter einem Bereich zwischen hinterem Motor, Heizungskühler und Fahrerfußraum, je nach Lust und Laune. Und – je kälter es draußen wird, desto öfter muss ich nachkippen. Das wird mit dem Alu-Kühlerzusatz G12+ auf Dauer richtig teuer! “Warum macht er nichts dagegen?”, fragen sich sicher einige Nicht-V8-Fahrer unter Ihnen. Jahaaa. Weil man für die Lokalisierung dieses Lecks, wo auch immer es sein mag, tief in die Eingeweide des hinteren Motorraums tauchen muss. Das ist bei einer, speziell dieser Oberklasselimousine nicht so ganz ohne. Folgen Sie mir in ein Wochenende voller blauer Flecken, zermarterter Handrücken und klaustrophobischer Momente. Reißen wir ihm das Herz raus!

Der Körper liegt offen14:00 Uhr. Jede vernünftige Operation, die Fachleute unter Ihnen werden dies bestätigen, beginnt mit einer guten Vorbereitung. Da sich mein Hauptaugenmerk auf den Bereich des Wasserkastens vor der Windschutzscheibe konzentriert, baue ich entschlossen die schwere Motorhaube ab. Zu viel des Guten? Nein. Nach acht Jahren Schrauberei an diesem Fahrzeug habe ich gelernt, dass man immer alles, was im Weg ist, abbauen sollte. Ri-go-ros. Mittelfristig spart dieses Vorgehen eine Menge Zeit und Ärger. Ebenso muss das Scheibenwischergestänge entfernt werden, es wird aber entspannterweise nur von drei Schrauben gehalten. Irgendwo hier rund um den Gebläsekasten vermutet Dr. Sandmann den Wasserverlust. In Frage kommen der Heizungskühler, seine Anschlüsse, das T-Stück für die Vorwärmung des LPG-Verdampfers und das Heizungsregelventil. Ultraschall, bitte. NDR1 Welle Nord. Oder Kiel FM. Und wenn ich alles raus habe tausche ich gleich noch den Gebläselüfter, der quietscht nach nur 5 Jahren schon wieder wie sein Vorgänger. Ja ja, die billigen Teile aus dem Zubehör… Im Weg ist hier dann “nur” noch der Druckschlauch der Klimaanlage, der armdicke Kabelbaum und das Steuergerät der Gasanlage.

Innereien und die Niere15:00 Uhr. Die Golf III Fahrer unter Ihnen werden jetzt sagen: “Na dann mal raus damit!” Nein. Noch nicht. Nachdem ich im Motorraum noch einen Stellmotor für die gelbe Klima-Mischklappe ausgehakt habe, damit diese beim Herausheben nicht abbricht (das ist mir vor 5 Jahren bereits passiert…), geht es im Innenraum weiter. Skalpell, bitte. Fußraumteppiche ab, Mittelkonsolenverkleidungen runter, untere Verkleidungen des Armaturenbretts entfernen. Dunkel und eng hier. Da ist die Innenseite des recht großen Kastens, in dem sich Wärmetauscher, Gebläsemotor nebst allen Klappen und Stellmotoren befinden, zu sehen! Hallo. Leider ist da noch viel mehr organisches und anorganisches, aber auf dem Rücken im Fußraum liegend kommt man da sogar ran. Alle Luftkanalanschlüsse (nach oben, nach unten und nach hinten, das auf beiden Seiten) werden abgezogen, dabei schneidet das nicht entgratete Plastik gern centgroße Fleischplättchen aus den Händen. Wir sind schon lange Blutsbrüder, der V8 und ich.

Eine Arterie, oder? Eine Vene…?16:00 Uhr. Als ich das Stemmeisen ansetze, spritzt mir schon das erste Blut entgegen. Nicht nur mein eigenes, sondern nun auch das des Audi. Jenes kleine Heizungsregelventil aus Kunststoff, unterdruckgesteuert, scheint auf jeden Fall ein Mitverursacher des einen oder anderen Rinsaals unter meinem Auto zu sein. Hier ist alles rot und feucht wie beim Anti-Belag Färbetest in der Werbung der 70er. Dieses kleine rebellische Teil habe ich allerdings nicht profilaktisch gekauft, Heizungskühler und Lüfter liegen schon als Originalteil bereit. Oha. Und sauber gemacht muss hier auch mal wieder werden, der Herbst aus mindestens 5 Jahren hat an dieser schlecht zugänglichen Stelle Einzug gehalten. Absaugen, Schwester! Wann schaut man denn schon mal unter seinen Küchenschrank und macht da sauber?

Das Organ ist entfernt16:30 Uhr. Am Ende dieses Tages ist vor allem Kraft und Gefühl gefragt. Kraft, weil der große Kasten von der Schaumstoff-Klebedichtung, die ihn mit Macht an der Karosserie festhält, getrennt werden muss. Das ist nur mit einem großen Brecheisen, vielen neuen Schimpfwörtern und viel Hebelwirkung möglich. Gefühl, weil nichts abbrechen darf und alles Zentimetergenau unter den Schläuchen hindurchgezwängt werden muss. Auf dem noch warmen Motorblock stehend lässt sich nach dem Überwinden der Dichtungs-Kräfte die beste Zugkraft-Ausbeute erzielen. Mundschutz, bitte. Es knackt und knarzt, ächzt und stöhnt (ich auch…) und mit einem finalen Ruck ist das Corpus Delicti heraus! Große Freude. Alle Gestänge sind augenscheinlich noch dran, alle Schläuche noch heil, soweit nicht vorher schon porös…

Der Körper ist offen und ungeschützt17:00 Uhr. Hier sehen wir an der offenen Wunde das ganze Ausmaß der Verletzungen. Außerdem die erwähnte gelbe Klappe, dank des ausgehängten Stellmotors in nicht-Abbrech-Position gedreht. Das riesige Loch beherbergt eben jenen Wasserkasten innen wie außen, es ist der einzige Zugang der Luft (und des Wassers…) in das Gedärm des Innenraums. Nun kann ich endlich den finalen Herbstputz vornehmen, hole zwei Kubikmeter nasses, verrottetes und stinkendes Laub aus den automobilen Untiefen und beginne anschließend das Zerlegen des Kastens als solchen. Hierbei fallen mir nach Abnahme der Gestänge vier Klappen, der Wärmetauscher und der Gebläselüfter entgegen. Niemand weiß zu diesem Zeitpunkt, ob und wann man diese Einzelteile jemals wieder in einen funktionstüchtigen Kontext bringen wird.

Hier hilft nur eine Organspende17:30 Uhr. Immerhin ist die Ursache des Wasserverlusts offensichtlich. Das ständige kalt und heiß des fließenden Kühlwassers hat den Kunststoff des Heizungsventils porös werden lassen! Warum ist so etwas überhaupt aus Kunststoff? Seit über zwei Jahren suche ich lustlos den Fehler, hier habe ich ihn endlich entdeckt! Meine telefonische Ersatzteilanfrage in der zentralen Stelle bei VW/Audi in Kiel erntet Gelächter: “Ein Heizungsregelventil für einen Audi V8? Heute?? Jetzt??? Guter Mann, Sie sind aber optimistisch. Das muss ich bestellen.” Auf meine Bitte, doch wenigstens einmal zu schauen, folgt ehrfürchtiges Schweigen. Denn: das Audi-Zentrum Kiel hat tatsächlich so ein Teil lagerhaltig, für schlanke 36 Euro. Aha. Geht doch. Das Leben ist schön. Mit dem Organspenderausweis in der Tasche fahre ich mit Örgs allseits bekanntem Golf los, erwerbe und transferiere das Neuteil in unsere kleine Werkstatt und starte den Zusammenbau. Tupfer, bitte.

Der Körper ist wieder vereint.19:30 Uhr. Ventil raus, Wärmetauscher raus, Lüftermotor raus, alles gegen Neuteile getauscht und… schon nach nur zwei weiteren, schwer von Flüchen getragenen Stunden sitzen alle Klappen und Gestänge wieder an ihrem Platz und funktionieren sogar! Ich will eigentlich nur noch nach Hause, klebe und stinke und baue alles in umgekehrter Reihenfolge wieder ein. Mein Optimismus ist nach wie vor ungebrochen, ohne die Funktion elektrisch zu testen stopfe ich alle Organe mit neuen Dichtungen wieder in die dafür vorgesehenen Löcher, verschmiere die blutenden Stellen mit Karosseriedichtmasse, stecke Kabel zusammen, drücke Lüftungsrohre schneidend in ihre Porition und schraube die schwere Motorhaube wieder rauf. Habe ich irgend etwas vergessen? Egal. Ich hoffe nicht… Zündung an… Klimaanlage an… Lüfter an… Check? Ja. Das Herz schlägt wieder! Alles funktioniert, klappt, lüftet und wärmetauscht. Ich wiederhole mich, aber das Leben ist schön.

Gute Nacht zusammen20:00 Uhr. Längst ist es dunkel draußen vor unserer kleinen friedlichen Schrauberwerkstatt. Ein paar Kleinteile sind wie immer übrig geblieben, die Teppiche und Verkleidungen der Beifahrerseite liegen noch im Fußraum, die schraube ich morgen rein. Heute will ich nicht mehr. Mein Rücken ist krumm, meine Finger zerschunden und blutig bis hinter die Handgelenke, meine Oberarme voller blauer Flecken und Quetschungen. Aber ich bin glücklich! Der Lüfter ist leise, kein Kühlwasser läuft mehr in die Umwelt und schöne heiße Luft wird genau da hin geleitet, wo sie hin soll. Zum Fahrer. Kein Piepen aus dem “Mäusekino”, kombiniert mit dem blinkenden Kühlwassersymbol. Der eigentlich normale Zustand ist für mich allgemeinen V8-Fahrer wie Weihnachten. Der Patient ist am Leben, nicht mehr von Inkontinenz geplagt und bereit für die kommende kalte Zeit. Allein… dem Doktor geht es nicht gut. Aber das ist eine andere Geschichte.

Wie geht es Ihrem Kühlwasser? Sind Sie noch ganz dicht? Steckten Sie schon einmal so tief im Herzen Ihres Fahrzeugs? Lassen Sie Dr. Sandmann teilhaben…

Dr. Sandmann. Facharzt für innere Fahrzeugangelegenheiten

Original: http://www.autobildblog.de/2008/12/01/sind-sie-noch-ganz-dicht/

 

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