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Grenzgänge mit 8 Zylindern

Geschrieben von: Sandmann am 06.01.10  » Menschen und Maschinen - Artikel

 

Handelsware… wenn das doch so einfach wäre…Es mag sein, dass es professionelle Autoimporteure gibt, die jetzt nachweihnachtlich milde schmunzeln werden. Es mag auch sein, dass ich mir so einiges hätte leichter machen können. Aber einmal ist immer das erste mal, und ich habe auf jeden Fall etwas gelernt. Zwischen Zollangst und Termindruck habe ich gut 1200 Kilometer lang Zeit, mich mit meinem neuen Winterauto zu beschäftigen, mich an 300PS auf 9,5m² zu gewöhnen und mit Lisa, meinem Navi, zu kämpfen. Ich hole einen Achtzylinder aus der Schweiz in die Bundesrepublik Deutschland. Bis hoch nach Kiel. Und die Schweiz ist nicht in der EU. Irgendwann hatte ich geglaubt, mich sehr gut auf diese Aktion vorbereitet zu haben. Ich sollte mich extrem getäuscht haben. Das wird ein langer Tag.

"Jaaa, guter Mann, also ich stell Ihnen die Kurzzeitkennzeichen gern aus, aber in der Schweiz gelten die nicht". Ich hatte anderes gehört. "Ich mein, mir is' das egal, also wenn Sie sich nich' erwischen lassen wird das schon gut gehen". Ziemlich beunruhigt besteige ich nach dieser Zulassungsstellen-Erfahrung mit den Metallschildern in der Laptoptasche aufgekratzt den One-Way-Flieger nach Zürich und lerne (erneut), dass man bei Air Berlin trotz eines horrenden Kurzbucher-Preises den Rotwein extra bezahlen muss. Nächstes mal fliege ich wieder mit Lufthansa oder Swiss. Aber da sind die Sandwiches nicht so lecker. Ich bin nervös.

Da steht nicht mal das Ursprungsland drauf… In 10.000 Metern Höhe scheint die Sonne, doch wirre Gedanken beuteln mich. Mein Alltagsauto parkt in einer trockenen Garage, weil es nur noch auf 7 statt auf 8 Zylindern tuckert. Ich weiß noch nicht einmal so richtig, was an meinem V8 eigentlich kaputt ist und schwupps - hole ich mir ein anderes Auto. Wenn auch nur so lange, bis der Achter wieder heil ist. Theoretisch. Ich sehe mich noch im Deutschen Museum München, 1999, kurz vor'm Examen, an so einer gerippten Aluminiumkarosse stehen und mich freuen, dass man vorne alles abschrauben kann. Was für riesige Dimensionen! Und jetzt hat irgend jemand diese Karosse in blauen Lack getaucht, einen viel zu großen Motor reingeschubbst und ich soll das Ding bekommen. Die Welt ist voller Verrückter, und manchmal trifft man auf sehr liebenswerte Varianten. Fast schon Freunde. Warum ich immer einen Fensterplatz nehme? Über den Wolken leben Engel. Man kann sie sehen, wenn man ganz genau hinguckt.

In einer Werkstatt weiter unten und über anderen Wolken, die sich bei Dämmerung im Tal bilden, werden die Kennzeichen an meinem "neuen" A8 angebracht. Michi, ein Mensch aus Fleisch und Blut, überreicht mir zufrieden den gepflegten V8-Boliden, das lückenlose Scheckheft und eine CD randvoll mit mp3's, die er sich 2001 voller Vorfreude gebrannt hat, als ER diesen Wagen übernahm. Die gehört sozusagen zum Auto. Zum Glück habe ich für den Rückweg mein Lisa-TomTom dabei und muss keine Karten wälzen.

Er kann es noch immer nicht fassen!Schöne neue Welt. Haben Sie schon einmal versucht, mit einem mobilen Navigationsgerät unter doppelt verglasten metallbedampften Siglachromscheiben einen Satelliten anzupeilen? Oder gleich drei? Geht nicht. Super. Also ab durch den dicken Nebel, bei Dunkelheit in einem fremden Auto in einem fremden Land mit jenem ungültigen Kennzeichen. Wie macht man eigentlich das Radio wieder aus? Ich muss das nachher mal nachlesen... Mit gemischten Gefühlen mache ich mich in der Morgendämmerung auf den Weg zur Grenze. Der Zoll in Kiel teilte mir mit, dass man rund um die Uhr beim Deutschen Zoll auflaufen könnte. Und da ich heute Mittag beruflich in Fulda (weiter oben) und bis spätestens 18.00 Uhr in Bremerhaven (NOCH weiter oben, leicht links) sein muss, fange ich lieber früh an. Wo ist eigentlich die obligatorische Autobahnvignette??? Nicht da. Kein Navi, kein Kennzeichen, keine Vigniette... Also einen Schluck guten Kaffee aus dem Thermobecher, das Triebwerk zum Leben erweckt, Michi's 70er/80er Audi-Mix angedreht und ab auf die Autobahn, die vignettenpflichtige. Grobe Richtung Deutschland. Ich fühle mich so nackt ohne mein Navi...

Auf eben jenem Navi sind ja auch alle diese Blitzer drauf. Sie kennen das. Aber es empfängt ja nichts. Und wie ich so in der noch neuen Armaturenkulisse vor mich hin dämmer, den Motor nur als entferntes Grummeln wahrnehmend, werde ich kurz hinter Zürich im Tunnel geblitzt, so mit ohne Vignette und ungültigen Kennzeichen und zu schnell. Aber das ist vielleicht später mal eine andere Geschichte.

Old School Navigation6.30 Uhr, Grenze, Deutscher Zoll: "Ja sicher, hier können's Auto verzolle, aber Sie brauche die Unbedenklichkeitsb'scheinigung von de schwizer Kollege. Die mache erst um Siebe uff". Hurra. Was mach' ich bis dahin? Preiswert tanken, umgerechnet 1,19 Euro für den Liter Super. Noch Fragen? Und schon einmal die Straßenkarte studieren, wo es denn nachher lang geht. Ich komme mir regelrecht altbacken vor. So so. Die A81 immer nach Norden. Fein. Um 7.00 Uhr brummelt mich der helvetische Grenzbeamte an, wo denn die Einfuhrpapiere der Spedition seien. "Äh...?" "Ja hier, schaun Sie, dieses Formular und dieses hier, ohne das geht das nicht". Verwunderung. "Ja äh also ich fahre den ja privat selbst rüber, wieso Spedition?" - "Guter Mann, das weiß ich doch nicht, lassen's sich halt von irgendwem das ausfüllen!" Frustschwangeres davongetrotte. Diesen Dialog scheint es allerdings öfter zu geben, denn zufällig sehen meine tränenschweren Augen dem Grenzhäuschen gegenüber eine *TUSCH* Spedition in einem schmucklosen Container. Hier hat man sich offensichtlich auf Autoimporte spezialisiert, und für die Kleinigkeit von 75,- Euro füllt man mir die betreffenden Papiere aus. Aber nicht vor 8.00 Uhr. Hurra. Inzwischen ist es hell draußen, ich hole mir kaum genervt den vierten Kaffee von der Tamoil-Tanke, studiere ein wenig die brockhaus-dicke Bedienungsanleitung des JVC-Radios und bringe dem fest eingebauten Nokia-Telefon bei, meine Twin-Karte zu verstehen. *piep* D2-Privat. Das ist Retro.

Ich habe sie alle. ALLE!!!Um 8.00 Uhr und 42 Sekunden halte ich die notwendigen Formulare in der Hand. Damit gehe ich zum schweizer Beamten, unterdrücke ob der unterschiedlichen Hebellänge zwischen uns beiden alle Polemik und säusel dümmlich "So, ich glaube, jetzt habe ich aber alles beisammen, haha". Brummeln bei dem Beamten. Aber er setzt die Stempel an den richtige Stellen und schickt mich auf die andere Seite des Gebäudes zu den deutschen Kollegen. Hier kennt man mich schon. "Ach, da sin' Sie ja wied'r, wo haben's denn so lang g'steckt?" Ich murmel unterwürfig etwas von schweizer Grenzern und Speditionen. "Dies hier brauch mer net, und des, und des auch net, Sie sind doch a Privatperson. Da reicht der Reiseverkehr". Ich erspare mir erneut alle Kommentare und gebe noch emsig die zwei Papp-Träger gutes Maisbier aus der Schweiz an, die in den unendlichen Weiten des Kofferraums vor sich hin klüngeln (Michi - das schmeckt phantastisch!), aber der Beamte winkt freundlich ab und setzt seinen finalen Stempel. Ich habe alle Dokumente.

Neckar SULM. Die Wiege des V8Deutschland. Ich bin in Deutschland. Hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein. Endlich kann ich mich der Musik hingeben, endlich genieße ich die Haptik eines Audi A8 4.2 Quattro Tiptronic und frage mich mit jeder Meile mehr, warum sich Michi ein neues Auto gekauft hat. Einen neuen A8, mit dem er mich auch vom Flughafen abgeholt hat. Tolles Teil, aber der hier tut's doch auch noch mehr als zufriedenstellend. Hm. Ich fliege durch den Regen und komme an einem Schild nach Neckarsulm vorbei. Sulm. Nicht Neckar's Ulm, nein, Neckar Sulm. Egal. Da ist die Oberklasse-Schmiede von Audi, da wurde mein V8 gebaut. Damals. Ich dachte, ich erwähne das mal kurz. Es ist schwer, das Lächeln aus dem Gesicht zu bekommen, wenn man so ein perfektes Fahrzeug unter dem eigenen beheizten Po hat. Der Motor knurrt vibrationsfrei, die Schaltbox legt unbemerkt die Gänge ein und die Außenwelt bleibt einfach draußen. Und das mit gleichem Bauhjahr wie meine große Tochter, die gerade beginnt, sich für Jungs zu interessieren. Na gut. Die Route ist einigermaßen in meinem Kopf und auf der Karte auf dem Beifahrersitz. Die hunderte von Kilometern überbrücke ich mit Spielchen an der verstellbaren Lenksäule, der elektrisch verstellbaren orthopädischen Lendenwirbelstütze, den (auch elektrisch) rauf- und runterfahrbaren Gurtstraffern und Kopfstützen und den einklappbaren Außenspiegeln - und das alles mit 4-fach-Memory-Funktion. Ach... und der Tempomat funktioniert. Kann man angenehmer reisen? Ich denke nicht.

Irgendwo muss der Satellit doch sein…Fulda stellt mich vor zwei Probleme: Ich finde trotz Bärenhunger keinen McDonald's und ich MUSS ein GPS Signal bekommen, weil ich ansonsten den praktischerweise eingebundenen Firmenauftrag nicht erfüllen kann. Der Burger muss dann eben warten, aber es wäre doch gelacht, wenn Lisa nicht aus diesem faraday'schen Käfig hinaus ein Signal empfangen könnte: Solarzellenbeplanktes Schiebedach auf, nach oben raus mit der Kiste und von da oben mir die Routenanweisungen vorbrüllen lassen. Es regnet nur mäßig auf das graue Leder und ich finde mein Ziel, wenn auch unkonventionell, in der vorgegebenen Zeit... Alles ist gut. Wussten Sie das? Kurz vor Bremerhaven, meinem zweiten nicht wirklich auf der Luftlinie Zürich-Kiel liegenden Topic, muss ich dann endlich einmal tanken. Leider kein LPG... Und dieser Tank scheint unergründlich. Ich lese über 100 Euro und denke über meinen vergangenen Benzinpreis-Blog nach. Na ja, automobile Oberklasse. Und ich bin nicht zaghaft mit den vier angetriebenen neuen Winterreifen umgegangen...

Auf der Grenze zwischen Norden und SüdenZu Hause. Nach Hause. Telefonieren, fahren, egal. 11 Stunden auf der Straße, nun reicht es. Wieder einmal vergessend, dass sie Geld kostet, benutze ich die Elbfähre Wischhafen-Glückstadt, um mir den Weg über die A1 und durch den Elbtunnel zu ersparen. Graue stimmungsvolle maritime Skipperatmosphäre, durch den Regen über schwarzes kaltes Wasser dümpelnd. Auf dem direkten Überland-Heimweg liegt das Domizil von Tom, meinem V8-Retter, der ein frisch angezapftes Bier im Vorbeiflug vorher schon einmal telefonisch ankündigt. Gemeinsam mit Alex und 'Bine arbeiten wir den Tag auf, und Tom setzt sich auch noch einmal halbherzig in mein neues Auto... "Ist halt eine Generation später..." Ich glaub er mag ihn nicht so sehr. Alex scheint unschlüssig. Aber es ist doch der gleiche Motor...  :o)

Ihn immer schön oben halten
Ihn immer schön oben halten
Ich bin wieder zu Hause. Trotz heftigem Gasfuß hat der A8 "nur" rund 11 Liter Super verbraucht und mich mehr als angenehm quer durch die Republik geleitet. Ich bin gespannt, wie sich das Außenwelt-draußen-lassen mittelfristig auf mein Gemüt auswirkt. Eigentlich fahr ich ja lieber mit Fenstern runter... Aber - er könnte ein Freund werden, der Nachfolger vom Audi V8. Und keine Angst - den echten Achter fahr ich nach seiner Reparatur sofort wieder! So ein Auto lässt einen nicht mehr los. Ich laboriere ansonsten weiterhin an der nicht zu fassenen Freundlichkeit der mir bekannten Ur-Schweizer und werde Euch und Sie im Blog auf dem Laufenden halten, was so geht mit den 8 Zylindern. Aber jetzt muss ich erstmal schlafen...

Sandmann

 

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