Manchmal hilft auch kein Kaffee mehr. Es gibt diese Tage, nein, diese Morgende, an denen ich am liebsten im Bett bleiben würde. Besonders, wenn es draußen einfach ununterbrochen kalt, dunkel und nass ist. Was hindert mich eigentlich daran? Ach ja. Ich habe zwei Kinder, die es als wenig vorbildlich ansehen würden, wenn Papa nicht aus der Kiste kommt. Und ich habe einen Job, der mir meistens Spaß macht und nach mir ruft. Heute ganz besonders laut. Zudem aus einer gewissen Entfernung, genauer gesagt aus Flensburg, wo ich um 8.00 Uhr sein muss. Ich teile dieser Tage das Los der vielen 1000 Berufspendler, die sich Tag für Tag und Morgen für Morgen aus ihren Betten quälen, um ihre Arbeit zu verrichten. Was extra schlimm zwischen November und Februar ist, denn in diesen Monaten gestaltet sich die Umgebung dunkel und kalt. Januar. Jetzt. Der Weihnachtsglanz ist verloschen, die Ferien sind vorbei und der Frühling ist noch weit weg. Seit Wochen liegt Schnee in Schleswig-Holstein und die Eiskratzer gehen weg wie Oblaten beim Abendmahl. Aber fangen wir vorne an.
6:00 Uhr früh. Ein unbarmherziger Radiowecker quakt mir mit seit Jahrzehnten gleichbleibend mieser Tonqualität die schlechten Nachrichten dieses Montags ins dunkle, kalte Bettchen. Finsternis und diese leere Stille des noch schlafenden Hauses umgeben mich. Als nach einigen Minuten noch immer keine über Nacht verdrängten Katastrophen in mein Bewusstsein kleckern, schwinge ich mich mit überzeugendem Elan aus der Koje, knipse im Vorbeischlurfen die Kaffeemaschine an und ziehe mit triumphierendem Blick als erster ins warme Badezimmer ein. Sie kennen vielleicht das Drama, wenn Ihrer 14jährige Tochter das vor Ihnen gelingt. In Kombination mit Zeitdruck bedeutet das, dass Sie ungeduscht zur Arbeit fahren. Aber heute nicht. Okay, Pausenbrote schmieren, Ranzen kontrollieren, Kinder in die vorgesehenen Bekleidungsstücke stopfen, moment - es soll ja kein Elternblog werden. Mache ich demnach mit einer hässlich roten Thermoskanne weiter, randvoll mit französischem Instant-Kaffee und heißer Milch. Die und mein Laptop und ich treten raus in die nasskalte Winterwunderwelt. Guten Morgen liebe Woche. Alle scheinen hier noch zu schlafen!
Mein Auto sieht aus, als sei es seit Monaten nicht sauber gemacht worden. Ich vermute, es liegt daran, dass es seit Monaten nicht sauber gemacht wurde. Bei diesem Wetter gestaltet sich Fahrzeugpflege einfach unlustig, sowohl innen wie außen. Unerwartet tauche ich nach dem erfolgreichen energischen Öffnungsversuch der angefrorenen hinteren Tür ein in eine Welt aus Feuchtigkeit, Welpenkotze und Wunderbaum. Mein noch schlafendes Hirn sucht verzweifelt nach virtuellen olfaktorischen Alternativen. Der warme Kuss der Frau, die ich liebe (zusammen mit allem Drumrum) wäre mir jetzt definitiv ein bisschen lieber. Auch wenn die Scheiben heute wegen der trockenen Kälte einmal nicht vereist sind, die Türen benehmen sich, als wären sie von grobschlächtigen HDW-Mitarbeitern zugeschweißt. Ich steige durch die Beifahrertür ein und stemme von innen die knirschende Fahrertür auf. Geht doch. Sodenn. habe ich alles? Laptop hinter dem Fahrersitz, Kaffeekanne auf dem Beifahrersitz, Handyakku voll. Dann kann es ja losgehen.
Während aus den Lautsprechern Marillion und Roger Waters ihre suizidalen, lebensverneinenden Endzeit-Textphrasen schmettern, schenke ich mir konzentriert den ersten Kaffee noch mitten in Kiel ein. Die verharrschte, festgefahrene Schneedecke lässt den alten Audi V8 holpern wie bei starkem Seegang, was das Kaffeetrinken in eine höhere Levelklasse hebt. Entspannung fühlt sich anders an. Immerhin habe ich diesmal die Kanne nicht auf dem Dach stehen gelassen. Aber das ist eine andere Geschichte, im Übrigen (deshalb) auch eine andere Kanne. An der Bushaltestelle sehe ich blasse, überschminkte Teenager mit Musik im Ohr und der Angst vor der nächsten Mathearbeit im Herzen. Wenn ich schon nicht aus den Hufen komme, wie müssen sich dann Kinder um diese Uhrzeit fühlen? Das deutsche Schulsystem ist das allerletzte. Ich wechsel zwischen einer unfassbar beruhigenden Musikauswahl des lokalen "Malersenders" NDR1 und den genannten "Progressive-Rock"-Veteranen. Langsam erwärmen sich die vielen Liter G12+ angereicherten Kühlwassers rund um den großvolumigen Alublock, was die Gasanlage zur Mitarbeit überredet und den Wärmetauscher auf den Plan ruft. Es wird flauschig im Audi. Hertz Hertz. Eine erfolglos gegen ihre Überstunden protestierende Sitzheizung trägt darüber hinaus ihren Teil zu meinem Wohlbefinden bei. Adios Kiel. Bis heute Abend. Eine Stunde Fahrt über die A7 liegt vor mir, auf dem Teil, der ungefähr so unterhaltsam ist wie die Tagebuchaufzeichnungen eines Komapatienten. Zumal es in die falsche Richtung geht! A7 Richtung Süden = Liebe, A7 Richtung Norden = Arbeit.
Während um mich herum die Welt langsam zum Leben erwacht und ich erstaunlich viele Menschen eingepfercht in ihren Autos erblicke (die wohl auch mindestens so früh aufgestanden sind wie ich), wird mir langweilig. Monoton knurrt der treue Achtzylinder mit konstanten 120 über die verschneiten, teils vereisten Fahrspuren, vorbei an dänischen und schwedischen Lastwagen. Und Kleinwagen aus Schleswig, die beim geringsten Anzeichen von Glätte sofort bremsen und mit 40 über die Autobahn schleichen. Im Gegensatz zur Umgebung haben die Anzeigen in Audi's Kombiinstrument durchaus Unterhaltungswert. Ein Pilot würde vermutlich "All Systems running" melden. Bis auf dieses hässliche Gib-mir-Benzin-Symbol stimmt das auch, aber es ist noch genug LPG im Tank. Na? Naaaaa? Können Sie alle Zeichen in diesem Bild deuten? Wenn nicht - fahren sie halt keinen Audi V8. Aber wer macht das schon? Widmen wir uns wieder der Autobahn. Nicht einmal telefonieren kann ich, alle, die mir am Herzen liegen sind entweder in der Schule oder schlafen noch!
Was man vorhin, um 6.00 Uhr noch nicht für möglich gehalten hatte - irgendwie kommt man ja am Ende doch immer da an, wo man hin will. Und trotz einer trüben Suppe, einem kalten und nassen Wochenbeginn und einer nicht enden wollenden Geradeaus-Autobahn gehen auch solche Montage vorbei. Da ist noch der Nissan mit der permanent brennenden Nebelschlussleuchte, der komplett unbeleuchtete Toyota und auf der Gegenfahrbahn der Unfall mit drei Autos, von dem ich eben im Verkehrsfunk gehört habe. Niemand verletzt. Für diese Leute ist der erste Tag der Arbeitswoche wohl noch ein bisschen dunkler als für mich ausgefallen. Aber was sehe ich da? Ist das so etwas wie Dämmerung, kurz vor 8:00 Uhr, kurz vorm Ziel? Hey! Kommt da etwa schon der Frühling? Oder sind das nur die Lichter von Flensburg? Im Sommer sind die Fahrten zur Arbeit eigentlich gar nicht so schlimm. Und darüber hinaus... Ab Donnerstag könnte ich wieder mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren. Also werde ich mich mal nicht beschweren. Sind oder waren Sie ein typischer Pendler? Haben Sie tägliche Touren von über einer Stunde hin - und zurück hinter sich? Wie ist das so, gerade im Winter? Ich freue mich auf Ihre Kommentare! Und gebe Ihnen zum Abschluss noch a) den Ausblick auf "Pendeln Akt 2" (was wesentlich weniger trüb sein wird) und b) ein Video von Roger Waters und Pink Floyd. Passt zur Jahreszeit. Bleiben Sie fröhlich.
Sandmann



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