… wird es wieder das erste Auto.
Der Weg bis hier her war uneben. Ich habe noch immer nicht den Abschied vom V8 im letzten Sommer gebloggt, habe dem treuen aber durstigen Pendel-Daimler nur mäßig Aufmerksamkeit gewidmet und der Passat TDI läuft einfach so vor sich hin. Nahezu unbemerkt. Zylinder: 8 – 6 – 4. Was Sie da draußen nicht mitschneiden sind meine Gedanken, meine Sehnsüchte und lange Nächte im Internet, die sich mit nur einem Thema beschäftigen: Ich will wieder ein unvernünftiges Auto! Mein ganzes berufliches Leben und meine halbe Freizeit dreht sich um altes und weniger altes Blech, da ist ein VW Kombi Diesel als ausschließliches Ford-Bewegungsmittel einfach nicht authentisch. Heute habe ich den Status geändert. Ich habe “ihn” gefunden.
Es war damals diese Nase.
Es ist ja immer alles damals. Ab einem bestimmten Alter zieht es einen zurück in die Jugend, himmel das ist dann eben so, warum soll man sich denn immer dagegen wehren? Da ist nichts schlimmes dran
Es war im Jahre 1990 absolut nonkonform, noch vor dem Abitur einen Ford Taunus zu fahren. Der Wagen war damals schon alt, hatte das zweifelhafte Image der “Türkenschleuder” (weil er riesengroß und preiswert war) und sah neben all den Golfs und Opels einfach aus wie ein Dinosaurier. Geil. Ich fand das gut. Mein erstes Auto hatte deshalb diese Knudsen-Nase mit dem amerikanischen Flair. Wacki fuhr Golf 1, Nea fuhr Fiesta und ich eben Taunus. Und das drei Jahre lang, quer durch meine Bundeswehrzeit und mitten rein in die Ausbildung in Kiel rein. Schaut:
Ich teilte mir anfänglich das damals schon sehr rostige Coupé mit meiner Jahrgangsfreundin Nessi, ungefähr drei Monate lang. Ich wollte ihn, nachdem ich die Anzeige in der AVIS gelesen hatte unbedingt haben, konnte aber die 900 Mark noch nicht aufbringen. Also kaufte und fuhr sie ihn, und als ich genug Geld zusammen gespart hatte übergab sie ihn mir. Was war ich stolz! Plön. Das NJ steht für Nessi-Jensi, und ’93 sollte er wieder zum TÜV
Mein erstes Auto, es hat mich niemals richtig losgelassen. Den TÜV ’93 hat es nie gegeben, der mäßig gepflegte Taunus war komplett durchgerostet, wir haben ihn damals zerflext und immerhin das Heck aufgehoben. Das gibt es noch immer, aber das ist eine andere Geschichte.
Ich habe mir Mustangs angeguckt und ich liebäugelte mit einem Jaguar XJ12. Aber warum? Bin ich das? Stehen die mir? Warum was komplett Neues wagen, wenn der eigentliche Traum doch noch unerfüllt seit 20 Jahren in der Schublade liegt – oder im schönen Schweden in Rentnerhand bewegt wird? Vor ein paar Wochen kommt der Anruf von Henning, Carracho Classics in Lüneburg, da hatte ich mal eine Geschichte über ein P5 Hardtop Coupé geschrieben. Sie hätten jetzt ein Taunus Coupé reinbekommen, ich hatte doch gesagt, sie sollen sich melden, wenn da mal eins ist. Oh. Stimmt. Das hatte ich gesagt. Ein wenig unvorbereitet frage ich nach den Daten…?
Baujahr 1975, also der letzte seiner Art. Genau wie meiner damals. 2-Liter Vierzylinder ohne Servo und ohne alles. Original belegte 94.000 Kilometer auf schwedischen Straßen, deshalb auch die seltenen einteiligen GT-Sitze und die in Deutschland bei einem Taunus vermutlich einzigartige Scheinwerferreinigungsanlage. Kein Radio, keine Boxenlöcher, innen wie neu. Bronze-Metallic mit schwarzem Vinyldach, sonst nix. Kein Pomp, kaum Chrom. Nicht mal ‘ne Uhr.
Sssssssit. Sprung. Wie Sie sich vielleicht denken können stehe ich umgehend vor diesem Auto, Lüneburg ist ja nicht weit weg. Er hat Patina, na klar hat er die. Und er hat nach 37 Jahren auch Rost, wer hat den nicht? Aber er ist wunderschön. Die in meinen Augen zeitlose Form hat mich schon zu Abi-Zeiten begeistert, und ich habe mir im Nachhinein das Abwracken meines ersten Autos nie ganz verziehen. Auch wenn es damals unumgänglich schien, es war ja nur ein altes Auto. Hier steht die Reinkarnation dieses Wagens, gleiches Baujahr, schönere Farbe. Ich will ihn mal fahren. Darf ich? Die schwedische Zulassung ist noch aktiv. Ja, ich darf.
Yay verdammt ich bin wieder 20 Jahre alt!!! Dieses dünne Lenkrad. Diese Motorhaube. Das schwammige Fahren wie in einem Ami. Das erste Auto im Leben verkörpert das wunderbare Gefühl von Freiheit, von Eigenständigkeit und Unabhängigkeit. Wenn Sie erst einmal die 40 überschritten haben fühlen Sie so etwas nur noch selten. Jetzt ist es wieder da. Ich fahre ein Ford Taunus Coupé, und es fühlt sich großartig an! Tief im Motor klappert laut ein defekter Schlepphebel, aber Henning sagt, das machen sie noch.
Okay, eine komplette Zylinderkopfrevision steht an. Neue Schlepphebel, neue Kopfdichtung, Zahnriemen und Ventilschaftdichtungen. Cool. Dann sollte der Motor erst einmal keine Probleme mehr machen. Auch der pöppelnde Endschalldämpfer wird noch gegen einen neuen getauscht. Ansonsten fährt der alte Herr tadellos, die Hinterachse macht keine Geräusche, das Getriebe schaltet die vier Gänge sauber durch, die Bremsen packen einigermaßen gleichmäßig zu. Auf der Hebebühne finden wir die üblichen Rostnester: Endspitzen, Lampentöpfe, Wagenheberaufnahmen, Stehbleche, Windleitblech unter der Scheibe, Schweller. Alles soll noch gemacht werden. Echt? Wow.
Warum bin ich so entspannt? Vielleicht, weil mein Knudsen-Coupé vor rund 20 Jahren wesentlich, we-sent-lich rostiger war als dieser Schwedenimport? Vielleicht, weil der neulich angeguckte Mustang in Bad Salzuflen mehr kosten sollte und im Vergleich hierzu ein komplettes Wrack war? Vielleicht auch, weil mein Herz mir schon in der ersten Minute klare Signale gegeben hat… Marco und Henning von Carracho Classics wissen, was sie machen, sie wissen was sie da stehen haben und sie sind ehrlich. Ich höre Zahlen, die machbar sind. Soll ich? Soll ich…..????? An diesem Auto ist noch einiges zu tun. Der Deal wäre folgender: Der Wagen wird in einer Karosseriewerkstatt geschweißt, der Motor wird wie beschrieben überholt. Der Taunus bekommt einen deutschen Baurat und eine H-Abnahme für das historische Kennzeichen. Und DANN geht er an mich über.
Zulassen, losfahren und nach und nach die anfallenden Kleinigkeiten richten. Viel ist ja an Technik nicht dran. Hm. Ich denke nach. Meine Hände kribbeln. Mir fällt hier und heute kein Auto ein, mit dem ich emotionalere Geschichten verbinde als mit meinen Taunus. Nicht mein K70, nicht mein V8. Einfach, weil es damals der Beginn des Erwachsen-Werdens war. Ich höre von irgendwo weit weg die Musik der frühen 90er. Alannah Miles singt “Black Velvet” – ich glaube ich habe sogar noch eines der Tapes von damals. Jungs, ich werde unsachlich. Ich muss da noch eine Nacht drüber schlafen. Sagt mein Mund. Aber eigentlich ist das doch alles klar
Ich habe heute um 18:00 Uhr mit Marco telefoniert. Er hat noch einmal ein paar zu erledigende Arbeiten aufgelistet und mir dann eine Zahl genannt. Und ich habe zugesagt. In ein paar Wochen werde ich wieder einen Ford Taunus fahren, mit meinem langweiligen aber zuverlässigen Passat als Backup. Es ist beschlossen. Darauf ein großes Glas Rotwein, liebe Blog-Gemeinde. Das Leben geht weiter, und in diesem Fall nicht zum Schlechtesten!
Sandmann
Original: Sandmanns Welt














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