Flaggen. Fahnen. Farben.
Deutschland flaggt auf. Es liegen noch immer zerrissene und schmutzige 2010er Fahnenfragmente auf den Mittelstreifen der Bundesautobahnen, und wem das national gefärbte Geflatter vor zwei Jahren nicht im Sturm abhanden gekommen ist – der clippst es ab heute wieder an das Seitenfenster. Eine. Oder gleich ein paar mehr. Oder auch gleich obendrauf noch Aufkleber, Schals, Wimpel… jungejunge…
Ist Beflaggung gar ein gesellschaftliches Lackmus-Papier?
Nachdem ich mich hinter dem Steuer meines komplett farblich unbedeutschten Passat Kombis wieder einigermaßen eingekriegt habe, wage ich ein paar Schritte auf das zu, was ich gerade in einem schönen Hamburger Wohnviertel gesehen habe. Ein Ford, genauer gesagt ein Mondeo Kombi. Schlimm-schwülstige Ingenieurkunst aus den 90er Jahren. Lässt das schon auf den Fahrer schließen? Ich glaube nicht.
Wer derart stolz auf sein Land ist und die Farben seiner Mannschaft so umfangreich zur Schau stellt, hat vermutlich auch noch andere Sockenschüsse auf Lager. Oh ja. Stimmt. Im Inneren finden wir Girlanden, Schonbezüge von Lidl, einen chromigen Power-Schaltknauf und die Signatur von Ed Hardy persönlich, dem eigentlich gar nicht so guten Tätowieder, der vor allem in den 80ern mit bunten Bildchen für Furore sorgte. Aber das taten Uli Stein und Diddl Maus auch.
Na ja, die Kombination aus bewegendem Tattoo-Künstler und überschwenglichem Aufgeklebe eindeutiger Botschaften made by Axel Springer lassen hoffen, dass es sich bei diesem Fahrzeug um das Machwerk eines Performance-Künstlers handelt. 2010 Weltmeister? Mist. Habe ich was verpasst? Fährt der Kollege etwa schon seit Jahren mit diesem Krempel rum?
Das könnte sein. Ängstlich blicke ich mich um, weil ich noch weiter denke und vielleicht gerade einen Mord aufgedeckt habe. Handelt es sich hier um die Beflaggung für die Weltmeisterschaft 2010, als wir noch alle an einen weiteren Titel der Deutschen Nationalmannschaft glaubten? Steht der seit dem hier unbemerkt rum? Nein. Eher nicht, dieses Auto wäre mir dann schon vorher aufgefallen. Der Besitzer hat sein Kölner Schätzchen extra für die Europameisterschaft 2012 neu gestaltet, und er hat wahrhaftig alles gegeben!
Ich hatte gar nicht gewusst, dass es neben den allseits bekannten Fahnen für die Scheiben auch schwarz-rot-goldene Sonnenblenden gibt? Cool. Im Heckbereich finden wir liebevoll gespannte Schals und mini-Trikots mit Saugnäpfen wieder, die auf eine angenehme Art und Weise die sonst üblichen schwarzen Folien überflüssig machen. Auch hier kann man von drinnen nicht mehr rausgucken, und von draußen nicht mehr rein. Aber das will man glaube ich auch nicht, einige Sachen wie das Privatleben der Protagonisten von “Schwiegertochter gesucht” oder “Bauer sucht Frau” will ich gar nicht kennen.
Oh. Jetzt spiegel ich mich ganz unprofessionell selbst in der Scheibe. Einige Nachbarn gucken schon hinter den Gardinen der Häuser hervor, ob auch der Besitzer dabei ist? Freut er sich über den Fremden, der sein liebevoll dekoriertes Auto fotografiert? Fühlt er sich in seinen Persönlichkeitsrechten verletzt? Nein, das kann nicht sein. Eine derart klare Bekenntnis zu diesem Land wird niemand wagen, der nicht öffentlich sein möchte. Seit die Deutsche Nationalmannschaft das Rumkicken damals gewonnen hatte ist man ja auch nicht mehr pauschal ein Nationalsozialist, wenn man eine Fahne am Auto hat. Oder wo auch immer.
Ein Herz für Deutschland ist ja auch okay. Jeder wie er will. Ein paar mehr Herzen auch. Was macht dieser arme Mensch aber, wenn Deutschland schon in der Vorrunde aus dem Spiel rausfliegt? Bekommt man die Aufkleber wieder ab oder bleiben sie wieder dran, bis in zwei Jahren die nächste Weltmeisterschaft kommt? Oder noch krasser, was ist, wenn “wir” gar bis ins Finale kommen? Wie viele Fahnen kann so ein Auto tragen, bevor man bei einer Verkehrskontrolle einen Segelschein vorlegen muss? Steigt das Gesamtgewicht? Was ist ab 100km/h? Fragen über Fragen.
Auch auf dem Rücksitz liegen Zeugnisse des Nationalstolzes. Okay, die Brut ist auch schon infiltriert, da kann man vermutlich nichts mehr machen. Immerhin ist auf diesem Bild auch eine schöne Seitenstraße zu sehen, Deutschland ist schön, da sind wir uns doch einig
Wie sehen Sie das? Flaggen Sie auch auf? Und wenn ja, warum??? Morgen, wenn “wir” gegen Portugal spielen werden mein halbfinnisches Fräulein Altona und ich uns etwas leckeres portugiesisches kochen. Ich hätte kein Problem damit, wenn die Nationalmannschaft dieses freundlichen, kleinen Landes “uns” so richtig auseinander nimmt. Denn mal ehrlich – es geht hier doch um Fußball, und alle Menschen aus allen Nationen liefern gute Spiele. Oder?
Sandmann
Original: Sandmanns Welt












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