Ein Sandmann, drei Mädelz und ein Rudolf – südwärts.
Mon enfant nue sur les galets - Le vent dans tes cheveux défaits. Knapp wurde er fertig, der rasende Rudolf. Heute geht es mutig die 1200 Kilometer von Kiel nach Mailand, durch ganz Deutschland, die Schweiz, Österreich, an Liechtenstein vorbei und rein nach Italien. Mal wieder mit dem Auto, fliegen kann ja jeder. Reisebrötchen sind geschmiert und kalt gestellt, Naschis befinden sich schon abrufbereit in der Mittelkonsole, die Mädels schlafen und der Wecker klingelt…. JETZT.
Das ist früh. 3:00 Uhr ist ECHT früh.
Kennen Sie das auch? Sie sind am Abend eigentlich total müde und sinken glücklich in die Federn… und schlafen total unruhig, weil ein Termin ansteht. Ein Flieger wartet. Oder zumindest drei reiselustige Mädchen darauf warten, dass es in den Süden geht? Ich kann mich da einfach nicht von freimachen, und so zerre ich die drei Damen aus dem Schlaf, aus dem sie mehr oder weniger erfreut erwachen. Die 11jährige ist sofort Feuer und Flamme und sitzt schon im Auto, als ich noch Kaffee koche. Die beiden 17jährigen brauchen ein bisschen länger. Iphone aufladen, Mails checken, WhattsApp klarmachen… Kann es denn losgehen? Jawohl. Comme un printemps sur mon trajet, un diamant tombé d’un coffret…
Mann, ist das noch ungewohnt dunkel für einen Julimorgen. Lisa, mein inzwischen leicht angegrautes Navi, dämmert noch im Nachtmodus vor sich hin und behauptet, nach Mailand wären es immerhin 1224 Kilometer. Der nagelnde, 16 Jahre alte Turbodiesel erwacht fröhlich zum Leben, und die schwer bepackte Fuhre kriecht durch das tief schlafende Wohngebiet am Rand von Kiel. Kaum sind die ersten Meter geschafft haben die Teenager hinten auch schon die Stöpsel im Ohr und ziehen sich zurück in die Welt von Kay One, Pitbull und Flo Rida. Der kleine, noch nicht Dancefloor-verblitzte Sonnenschein neben mir hingegen wünscht sich was chilliges, ich nehme den Mix vom USB-Stick und denke wehmütig an Olli Lauter und seine YouTube-80er-Eskalationen auf Facebook… Seule la lumière pourrait défaire nos repères secrets.
Où mes doigts pris sur tes poignets… Je t’aimais, je t’aime et je t’aimerai… Okay, es ist ein Passat. Er ist langweilig, unspektakulär und mit nur 4 Zylindern sicherlich nicht auf dem Olymp der begehrenswertesten Autos dieses Planeten. Aber er schnurrt freundlich und ohne Nebengeräusche die A7 hinunter, die um diese Zeit einmal angenehm unbevölkert ist. Ich bin noch nie so reibungslos durch den Elbtunnel geschliddert, schon kurz nach 4:00 Uhr cruisen wir durch die auch Nachts beleuchteten Hafenanlagen Hamburgs in Richtung Niedersachsen. Irgendwann schlafen alle minderjährigen Mitreisenden. Und irgendwann geht die Sonne auf, da sind wir aber schon fast in Kassel…
Et quoique tu fasses l’amour est partout où tu regardes dans les moindres recoins de l’espace, dans le moindre rêve où tu t’attardes. Ich bin ein bekennender Freund von Reisebrötchen. Man schmiert sie am Vorabend der langen Fahrt, belegt sie mit Salami und Käse und zelebriert schon ein bisschen Vorfreude. Dann, wenn sie nicht im Kühlschrank vergessen werden, schmecken sie im Morgengrauen auf Höhe irgend einer weit entfernten Autobahntanke pappig und pikant zu dem Kaffee aus der Thermoskanne einfach wundervoll. Und noch ein paar hartgekochte Eier. Das Leben ist schön, ja, auch hier in Kassel.
Längst fällige Vorgänge des Blasenentleerens sind abgeschlossen, Rudolf dieselt wundervoll – und irgendwie genieße ich es im Vergleich zum Vorjahr mit dem Audi V8 extrem, nicht andauernd tanken zu müssen. Eigentlich erst irgendwo vor Mailand. Also in Italien. Diesel schocken.
Deutschland ist eigentlich gar nicht so groß. Kaum graut der Morgen (okay, es ist inzwischen 11:00 Uhr oder so) befindet man sich in irgendwelchen Bergen. Also nicht mehr in Schleswig-Holstein, definitiv nicht mehr. Die Pausen gestalten sich kurz und effizient, die Mädels verschwinden entweder in den platznahen Büschen oder auf sagenhaft teuren Sanifair-Edeltoiletten-Parks, deren Bons dann im Restaurant in Gold (oder Lollis) aufgewogen werden. Die eigentlich ach-so-verhasste A7 zieht sich ganz von Norden bis ganz nach Süden, es geht rein nach Bayern, raus aus Bayern und wieder rein nach Bayern. Bundesländer sind witzig. L’amour comme s’il en pleuvait, nu sur les galets: Das Wetter ist doof, wir versuchen mit Manu Chao ein bisschen Sonne in die Ohren zu drücken (auch wenn ich ständig Francis Cabrel im Ohr habe) und stehen prompt vor einer Bundesgrenze.
Österreich? Huch? Das war gar nicht eingeplant. Schweiz ja, Italien ja, Liechtenstein vielleicht auch aber Österreich? Mist. Ich kaufe eine sogenannte “Korridorvignette” für 2 Euro, die mich durch die paar Meter bis zur Schweiz bringen soll. Und auch gleich noch eine Vignette für die Schweiz. Da war ich ja lange nicht. Wird das Wetter nicht langsam mal ein bisschen besser? Le ciel prétend qu’il te connaît Il est si beau c’est sûrement vrai. Lui qui ne s’approche jamais Je l’ai vu pris dans tes filets. Falls Sie sich wundern, dass ich auf dem Bild oben stümperhaft mit Fotoshop mich und den 11jährigen Sonnenschein gedoppelt habe… die beiden anderen wollten nicht mit rauf. Sie fanden sich nicht hübsch. Und das ist ja auch immer alles gleich auf Facebook. Neeeeeeeee.
Aber hier. Das Bild haben sie freigegeben
Meine Haare sind zu kurz und ich trage das Rallyeshirt, von dem mein halbfinnisches Fräulein Altona behauptet, es gleiche einer Atomkatastrophe. Wir rollen inzwischen durch die Schweiz, sind irgendwo kurz vor Italien und gar nicht mehr so weit weg von Milano, wo ich gestern ein Hotelzimmer für vier Personen gebucht habe. Zum erstaunlichen Gesamtpreis von 68,00 Euro inklusive Frühstück, wenn ich ehrlich bin habe ich ein bisschen Angst. Aber was kann schon passieren, Hauptsache da steht ein Fußball-Fernseher drin. Spanien gegen Italien, und das in Italien, klasse. Die Reisebrötchen sind längst alle, der Kaffee auch, die Eier und die Landjäger (hatte ich die gar nicht erwähnt?) auch. Wir halten uns an Nimm2 Soft. Das macht glücklich. Und plötzlich, wie von Geisterhand, ernten wir die Früchte des nicht-in-einem-Durchfahrens. Denn da ist schon, wie aus dem Nichts und irgendwie angenehm entspannt, unser Hotel, unser kleiner milaner Vorort, unsere Bleibe für die Nacht. Es ist früher Abend, so um 19:00 Uhr, und eine kleine Pizzaria direkt an einer wahnsinnig lauten und stark befahrenen Ausfallstraße verströmt italienischen Flair der Superlative. So gut schmeckte es zuletzt mit Freund Nikolaus in Florenz. Aber das ist eine andere Geschichte. Le monde a tellement de regrets Tellement de choses qu’on promet Une seule pour laquelle je suis fait Je t’aimais, je t’aime et je t’aimerai…
Italien ist gar nicht im Fußballfieber? Nicht? Während in Deutschland munter geflaggt wurde, an Häusern, Menschen und Autos, hält man sich hier dezent zurück. Feiert mit Freunden in Restaurants oder Bars und trinkt Unmengen von Bier. Deshalb habe ich auch fast keins mehr für heute Abend bekommen, noch zwei kaltgestellte Flaschen waren für einen frechen Preis käuflich zu erwerben… Et quoique tu fasses l’amour est partout où tu regardes dans les moindres recoins de l’espace, dans le moindre rêve où tu t’attardes l’amour comme s’il en pleuvait nu sur les galets. Ach mann. Und hey – was für ein Spiel. Auf dem kleinen Flatscreen im Zimmer läuft nur ein einziges deutsches Programm – ZDF. Gut. Reicht. Kind 1 und 2 (die Teenager) sind vom Chillen und Musikhören so schlapp, dass sie stumpf im ungefragt anektierten Doppelbett einnicken. Kind 3 (Sonnenschein) versucht noch ein paar Minuten, im oberen Teil des jugendherbergsmäßigen Etagenbetts mitzuhalten – und schnarcht dann kurz vor der Halbzeitpause auch weg. Äh… ich übrigens so langsam auch. Noch ein Bildchen für die Nachwelt, und nochmal Mails checken und ein bisschen den anderen im W-LAN erzählen, was ich gerade so mache…
Wobei – das Netz geht nur bis in den Flur. Anfangs waren wir ganz froh, am Ende eines langen Ganges zu sein. Weit weg von dem arischen Jüngling, der mit Herrenrasse-Miene dem Portier am Empfang klar machen wollte, dass er eine Superior Suite gebucht hat und nun eine Standard Suite bekam. Er habe Beweise dafür. Bezahlt. Laut. Deutlich. Der Haken des Abseits-seins ist nun wiederum, dass der italienische Router nicht bis hier hin sendet. Mist. Also raus auf den Flur, Bier mitnehmen, noch ein bisschen arbeiten und ein bisschen socializen. Und ein bisschen träumen. On s’envolera du même quai les yeux dans les mêmes reflets. Pour cette vie et celle d’après tu seras mon unique projet. Krass. Da fehlt mir gerade jemand, und das ganz schön doll.
Je m’en irai poser tes portraits a tous les plafonds de tous les palais. Sur tous les murs que je trouverai et juste en dessous, j’écrira que seule la lumière pourrait…
Et mes doigts pris sur tes poignets Je t’aimais, je t’aime et je t’aimerai.
Gute Nacht Italien. Gute Nacht mein Herz. Es ist ein bisschen verrückt, mit einem Auto und drei Mädchen nach Südfrankreich zu fahren – ich finde das toll. Wenn alles gut geht sind wir morgen Abend in Cagnes sur Mer an der Côte d’Azur (zwischen Cannes und Nizza), beziehen eine kleine Plastikhütte auf einem einfachen Campingplatz und lassen uns ein paar Tage die Sonne auf den Pelz brennen. Momentan regnet es. Wie aus Eimern. Aber das ist ja auch Italien.
Sandmann
Original: Strandmanns Welt















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