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Was is letzte Preis von dickes Audi A8?

Geschrieben von: Sandmann am 10.06.09  » Menschen und Maschinen - Artikel

Schön und schwer
Schön und schwer
Deutschland. Ein Sommermärchen. Die Benzinpreise klettern in unbegreifliche (und unbezahlbare) Dimensionen, und genau jetzt möchte ich mein dickes Auto verkaufen.

Diese Idee ist so schlecht eigentlich nicht, der Mai ist gekommen und ich glaube fest daran, dass jeder Mensch in dieser Republik ein neues Auto haben möchte. Am besten meins. Dieser Glaube gründet sich auf vielem, aber nicht auf der Realität. Ich habe einen Audi A8 4,2 Quattro Automatik, über 5 Meter lang, 13 Jahre alt, stolze 285.000 Kilometer auf dem Buckel und für heutige TDI-Messlatten unverhältnismäßig durstig.

Nun, der Glaube stirbt zuletzt.

Der Anfang einer Odyssee
Der Anfang einer Odyssee
Habe ich vor 10 Jahren noch fleißig meine alten Autos in den einschlägigen Faltblättern inseriert, macht Väterchen Internet heutzutage vieles leichter. Mit optimistisch angesetzten Preisvorstellungen von 6800,- Euro gehe ich fröhlich in die Offensive. Parallel hänge ich ein Kauf mich! Schild in die hinteren Seitenfenster und hoffe auf Passanten, die schon immer einen Audi A8 haben wollten. Auch bei ebay versuche ich mit schönen Fotos und umfangreichem Textmaterial, mein Auto anzupreisen, setze aber vorsichtshalber einen Mindestpreis von 5000,- Euro.

Während der ersten zwei Wochen meldet sich niemand. Ich kontrolliere täglich ungläubig meinen Spamfilter und finde interessante Sachen, aber keine Anfragen bezüglich meines Autos. Im Audi-Forum angefragt attestiert man mir einen nicht marktgerechte

Versuch macht kluch
Versuch macht kluch
n Preis (Hälfte...) und schreibt, ich solle den Wagen lieber behalten. ebay ist ein Flop, die Gebote stagnieren bei 4000,- Euro und bleiben dort auch. Unterlegene Bieter haben kein Interesse mehr an Jurassic-Car. Ist eine Oberklasse-Limousine so wenig wert? Immerhin bekomme ich ein Tauschangebot! Ein Ebayer bietet mir seinen tiefer-breiter "getunten" Audi S4 an. Respekt. Diese Art von Auto geht allerdings 4,2 Kilometer an meinem Geschmack vorbei, weshalb ich freundlich dankend ablehne.

Tags darauf klingelt mein Telefon. Ob ich der mit dem Audi A8 sei? Hoffnungsvoll bejahe ich, und der Anrufer bedeutet mir, dass ich auf seinem Parkplatz stünde und mein Auto doch bitte umgehend entfernen möge. Was für eine Enttäuschung.

Mail 1
Mail 1
Eine Mail! Eine E-Mail!!! Clark aus Kanada is very interested in my car. Leider kann er erst in zwei Wochen nach Deutschland kommen und bittet mich, den Wagen für ihn zu reservieren. Er überweise mir umgehend den halben Kaufpreis, ich möge ihm doch bitte meinen vollen Namen, meine volle Privatadresse, die Kontonummer und die Bankleitzahl mitteilen. Ich schreibe freundlich zurück, dass er den Wagen nicht zu reservieren braucht. Er möge einfach vorbei kommen, ihn sich anschauen und dann entscheiden. Auto gegen Bargeld. Ich höre nie wieder von ihm.

Aber von Verbert aus Polen höre ich. Verbert fragt mich per Mail in rudimentärem Englisch, ob er "the big car" reservieren kann. Ein Kunde von ihm in England möchte den haben, er könne aber erst in zwei Wochen nach Deutschland kommen und bittet mich daher um meinen vollen Namen, meine Privatadresse, ... Ich beginne zu verstehen. Come here and have a look - used cars go for cash and nothing else antworte ich Verbert. Schreiben Sie sich diesen Satz ab, Sie werden ihn eines Tages brauchen.

Mail 2
Mail 2
Ein paar ähnliche Mails trudeln noch unbeantwortet bei mir ein, am interessantesten ist die Nachricht von Harkan Molfitch (ein fast klassischer Name im Zusammenhang mit Viagra-Spam). Harkan bittet mich nicht nur um meine Bankverbindung, sondern auch um 10 nicht benutzte Transaktionsnummern. Ich bin irgendwie beeindruckt. So kann das nicht weiter gehen. Den Kreis der echten Interessenten scheint mein Inserat nicht getroffen zu haben, also verminder ich den Angebotspreis auf 5000,- Euro und setzt eine untere interne Schmerzgrenze von 3800,-, die einem Verschenken nahe kommt.

Ich fasse es nicht
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Und tatsächlich, irgend etwas ist anders. 25 Minuten nach Freigabe der Inserate klingelt mein Telefon. "Hallo, ich rufe für den Audi A8 an, ist der noch zu haben?" Bejahend erfahre ich, dass der Anrufer aus Berlin kommt und für seinen russischen Freund dolmetschen soll. Oh nein, nicht schon wieder! Aber welch Wunder, die Jungs möchten am kommenden Tag nach Kiel kommen und den Wagen ansehen. Wenn er so sei, wie ich ihn beschreibe, wollen sie ihn gleich mitnehmen, letzte Preis 4200, da ist die 42 drin... Wir verabreden uns auf ein Telefonat am nächsten Morgen, bevor sie aus Berlin aufbrechen. Wau!

Noch während in meinen Augen die Dollarzeichen blinken klingelt es erneut. "Hello, this is Morten from Kopenhagen, I want to buy your car, sounds really nice". Nach 10 Minuten voller englischer Fachbegriffe bin ich urlaubsreif und bedeute Morten, dass er doch einfach mal herkommen solle, before I tell him the really final price. Er will nochmal anrufen.

Laut und böse
Laut und böse
Mir brummt der Kopf. Das Telefon klingelt. "Bonsoir, c'est Albert, j'habite a Lyon en France et je veut acheter l'Audi A8 (Ah huite...)". Erneut la France, man scheint hier nicht nur Rotwein und Käse zu schätzen. Albert plant, das Fahrzeug nach Afrique zu exportieren und fragt nach le dernier prix. Sie kennen meine Antwort. Lachend bietet er mir weniger als die Hälfte. Ein Spaßvogel.

Das Telefon klingelt. "Ülgülyr zlot bruksch vlad mureeeh blong Audi A8?" Wie bitte? Ich habe kein Wort verstanden. "Lleklotz wolük blamach mlud foch da kasaladey?" Entschuldigen Sie bitte, äh, aber ich... do you speak English? "Mulle mulle nelad vlott!" Lachend und ein bisschen müde lege ich auf. Vielleicht sollte ich das Auto doch lieber selbst weiter fahren...?

Das Telefon klingelt. Ich unterdrücke den Wunsch, mich mit dem Namen eines fiktiven internationalen Gebrauchtwagenhandels zu melden und spreche ein paar Minuten mit Lars aus Kiel. Lars kommt direkt am Abend noch vorbei und begutachtet den Achtzylinder. Nach einer Probefahrt ist er prinzipiell voll überzeugt von Optik und Technik, allein die 285.000 Kilometer schrecken ihn massiv ab. Meine Erklärungen, dass lückenlos scheckheftgepflegte 285.000 Kilometer bei einem großvolumigen V8 besser seien als undokumentierte 120.000 Kilometer ködern ihn nicht. Zu viel gelaufen. Höchstens 3500,- Euro. Er fährt wieder nach Hause.

Dick und durstig
Dick und durstig
Samstag Morgen. Das Telefon klingelt. Gregor, ein Hannoveraner kasachischer Herkunft teilt mir mit, dass er sich jetzt auf den Weg nach Kiel mache und das geforderte Bargeld dabei habe. Moment! Da ist noch der Berliner, und vor dem Mittag bin ich gar nicht im Haus. Ich solle dem Berliner absagen, wenn der Wagen alle Kriterien erfüllt nehme er ihn gleich mit und wolle auch nicht handeln. Und bietet mir 5000,- Euro. Ich sage zu. In Berlin ist man leicht pekiert, man habe schon die Nummernschilder besorgt und wolle eigentlich gerade losfahren. Ich verspreche, mich zu melden, wenn der Hannoveraner den Audi aus welchem Grund auch immer nicht nähme.

 

Reiselust
Reiselust
"Neeeeee wie sieht denn die Leder aus, die ist ja HELLGRAU!!??" Die Freundin des Kasachen keift wie eine Rohrdommel. Ja natürlich, das sieht man doch auf den Fotos... hellgraues Leder" Nee Greg, die Leder will ich niiicht. Die ist niiicht guuuut." Gregor schaut mich verzweifelt und hilfesuchend an und zuckt mit den Schultern. Man zieht sich zum Gespräch zurück. Kurz darauf fahren ein völlig resignierter Gregor und seine Freundin unverrichteter Dinge wieder zurück nach Hannover. Er hatte das Geld dabei.

Skeptiker
Skeptiker
"Wie jetzt, die haben ihn nicht gekauft?" Nein." Ja also wir sind gerade in Celle, aber danach kommen wir hoch nach Kiel." Die Russen kommen. Nach einer kurzen Vorstellungsfloskel stürzen drei von ihnen sich auf meinen Audi und beginnen mit der akribischen Bestandsaufnahme. Ich bin erschüttert. Der Wagen ist in Teilen nachlackiert, das hintere Differential leckt, der Klima-Lüfter scheppert, die hintere Stoßstange sitzt nicht gerade, die Beifahrertür wurde schon einmal gespachtelt (Alu spachteln???)... Ich sehe mich mein liebes großes Auto am Ende doch verschenken.

 

Deutsche Einigung
Deutsche Einigung
Nach einer Probefahrt entdeckt man noch unrunde Bremsscheiben, einen Steinschlag in der Scheibe und einen ausgeschlagenen Spurstangenkopf, nimmt den Wagen aber für 4000,- Euro! Nanu? Wo ist der Haken, sollte jetzt doch alles klar sein? Kaufvertrag, Personalausweis, die Herren steigen ein und fahren den Audi zurück nach Berlin. Einfach so. Na sowas.

 

Auch das noch!
Auch das noch!
Und lassen sich auf dem Weg dorthin ganz gepflegt blitzen. Ich bekomme Post, Wochen später, weil dem Kennzeichen kein Halter zuzuordnen ist. Ich finde den Kaufvertrag nicht mehr. Und schreibe Geschichten über den Kauf und füge Fotos bei, auf denen mein Käufer eindeutig zu identifizieren ist. Aber das ist eine andere Geschichte...

 

 

Am Ende einer internationalen Odyssee stehe ich hier und heute mit dem Geld in der Hand bei uns in der Straße und blicke den kleiner werdenden Rücklichtern nach. Adé, mein Audi. Es ist die Zeit der Ökologie und der Nachhaltigkeit. Es ist nicht mehr deine Zeit. Mögest du noch ein wenig Komfort versprühen, bevor man dich schlachtet. Du zeitlose, erhabene Limousine.

Sandmann

Siehe auch: Ich und der Audi V8 - Szenen einer Beziehung

 

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