"Papa, kann ich noch die Simpsons gucken?" Direkt vor unserer Haustür kurbeln meine kleine Tochter und ich den alten Audi in die letzte, komplett zugeeiste Parklücke mitten in diesem nicht enden wollenden Winter, als mein Blick ein wenig weiter oben in der Straße von einem gruselig beleuchteten Szenario angezogen wird. Das gibt's ja gar nicht. In meinem kleinen Vorörtchen, wo außer Schlaganfällen und wallenden Wogen von Spießigkeit eigentlich nichts passiert, steht ein großer brauner UPS-Laster quer. Kollabiert am verschneiten Hang, quergestellt und mit brachialer Gewalt rückwärts in eine Garteneinfahrt gerutscht. Und auf der Mauer mit dem Heck zum Stehen gekommen. Der perfekte Feierabend für den armen Fahrer. Ein Kollege ward bereits herbeigerufen, emsige Nachbarn schaufeln mit großen Schippen Schnee vom Bug des Paket-Schiffes weg und Sand unter die hilflos drehenden Hinterräder. Neugierig stapfen meine Tochter und ich zum Ort des Geschehens, und ich biete meine Hilfe an. Noch braucht man sie nicht. Noch nicht.
Eine offensichtlich im Verbandskasten mitgeführte Stahltrosse verbindet die beiden 3,5-Tonnen-Boliden semi-elastisch miteinander. Der eine zieht rückwärts fahrend den anderen aus der Schneewehe und von dem vermaledeiten Mauervorsprung herunter. Soweit scheint der Plan aufzugehen. Meine Nachbarn müssen nun ihre Hecke nicht mehr zurückschneiden, der leichte Blechschaden an dem LKW lässt sich richten und niemand wurde verletzt. Doof: Der rettende Kollege steht nun seinerseits rückwärts am Hang und betrachtet ungläubig seine unmotiviert drehende Hinterachse. Was ist das eigentlich für ein Winter, in dem schon am kleinsten Hang der gesamte Verkehr zum Erliegen kommt, weil die Autos bei der leichtesten Steigung abglitschen wie eine Schnecke an einer öligen Fensterscheibe? Insgesamt fünf emsige, aber zunehmend verzweifelte UPS-Boten schieben, fachsimpeln und frieren. "Soll ich vielleicht außen rum fahren und dich rausziehen...? Mit dem Audi da... Quattro und Winterreifen und so...?" Stuzige Blicke. "Ja klar, mann! Super!!!" Sandmann hat endlich wieder eine Mission. Wie schön!
Nachdem das seit Wochen nicht geöffnete Garagentor von einer Schneewehe grob befreit ist fische ich die abnehmbare Anhängerkupplung heraus, pflanze mein Töchterchen nebst Fotoapparat auf den gut geheizten Beifahrersitz und umrunde das Szenario ortskundig auf einer Nebenstraße, um rückwärts an den havarierten Laster heranzufahren. Der gesamte feierabendliche Durchreiseverkehr ist inzwischen zum Erliegen gekommen. Betroffene Nachbarn haben resignierend ihr Auto am Straßenrand abgestellt oder sind einen großen Umweg gefahren. Einer der freundlichen, selbstleuchtenden Fahrer schlingt die Trosse um den Haken am Heck des V8, und wir bereden noch kurz die Vorgehensweise. Man wolle nicht den ganzen Hang hoch, um möglichst früh umdrehen und endlich wieder geradeaus fahren zu können. Okay. Schwierig ist nebenbei das Vorhandensein diverser parkender Autos am Straßenrand. Ich denke kurz darüber nach, wie sich eigentlich die Haftung gestaltet, wenn ich einen UPS-Laster eine vereiste Straße raufziehe und dieser dabei den Straßenrand verformend umgestaltet... Aber genug gedacht für heute, ich lege die Fahrstufe ein, lasse 400NM an den vier Rädern drehen und fordere die 280 ansonsten eher gelangweilten Pferde endlich einmal wieder richtig heraus!
Wahnsinn! Es fühlt sich an, als ob der V8 an einem Berg befestigt wäre. Was für ein unglaublicher Klotz von einem trägen Laster, was für eine unglaubliche Glätte! Immer wieder graben sich die Winterreifen durch das Eis und lassen Qualm und Gestank nach Gummi aufwirbeln, es riecht wie auf einem Dragsterrennen. Meine Tochter steht fasziniert am Straßenrand und vergisst fast das ihr aufgetragene Fotografieren. Flüche und Schreie von ganz hinten hinter der Nase des Lasters. Ich lege den Rückwärtsgang ein, rolle ein Stück zurück und versuche es mit leichten Rucks.
Irgendwann, ich habe gefühlt inzwischen allein mit der Motorwärme die halbe Straße abgetaut, bewegt sich das Gespann kontinuierlich den Hang hinauf. Triumphierende Rufe von den armen Paketboten, die eigentlich seit einer Stunde Feierabend haben sollten. Der Audi hat den gewaltigen Laster bis auf den obersten Punkt der kleinen Steigung gezogen, wir haben keine parkenden Nachbarn angekarrt und es scheint sogar noch ein Rest Profil auf meinen noch nicht wirklich alten Winterreifen zu sein! Sieg auf der ganzen Linie!
Der brave braune Mann ist glücklich und voll des Dankes. Ich fahre noch ein Stückchen vor ihm her die schmale Straße entlang, bis es ihm gelingt, die rollende Paketbox zu wenden. Hupend und winkend und noch lange aus den offenen Fenstern rufend fahren die beiden LKW mit ihren hilfsbereiten Insassen davon in ihren heute sehr wohl verdienten Feierabend. Meine kleine Tochter und ich driften zurück durch die seit Tagen nicht geräumte Nebenstraße, um zufrieden festzustellen, dass auch der letzte öffentliche und für den Audi passende Parkplatz von einem der Nachbarn belegt wurde, die zu träge sind, die eigenen vorm Haus mal freizuschaufeln. An dieser Stelle nochmals vielen Dank. Aber es gibt Schlimmeres. Der V8 steht jetzt tickend und zischend zwischen zwei gewaltigen Schneehügeln vor dem Haus eines weiteren, als eher anstrengend bekannten Nachbarn, direkt vor seinem Zaun. Gewagt, gewagt. Aber ich glaube, heute Abend schwebt über dem Auto der Schutzengel der rutschigen Nebenstraßen. Mein Helferkonto ist nun langsam ganz gut gefüllt. Eigentlich hatte ich heute Abend schon eine bebilderte Schimpftirade über den endlosen Winter fertig, aber die kann ich ja immer noch posten. Wenn man der Wettervorhersage Glauben schenken kann, geht das noch lange so weiter.
Wie weit geht denn Ihre Hilfsbereitschaft, gerade in diesen kalten, nassen Tagen? Sind Sie so genervt, dass Sie alle anderen ignorieren? Oder helfen Sie spontan mit schieben und ziehen? Erzählen Sie doch mal, das Feuer brennt im Kamin, das Popcorn duftet und der Abend ist noch jung genug für Erlebnisberichte...
Sandmann


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