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Mein Freund, der Kühlschrank

Geschrieben von: Sandmann am 20.07.10  » Menschen und Maschinen - Artikel

Ein schwülwarmes ¡Hola zusammen!

Deutschland - ein Sommermärchen? Durchaus, auch wenn Jogis kickende Kinder nicht die Weltmeisterschaft gewonnen haben. Nach einem Winter, der nicht enden wollte haben wir nun einen Sommer, der wärmer ist als alles, woran ich mich erinnern kann. Pünktlich zu den Ferien, womit haben wir das verdient? Mallorcaurlauber ärgern sich über die dortige Kälte, Südfrankreichreisende vermissen die salbende Brise zwischen Nord- und Ostsee und Italienfans bleiben in den Staus am Gotthard hängen. Ich bleib dann erstmal hier. Und kaufe mir für 16 Euro einen Kühlschrank. Den ich irgendwie von der öslichen Ostsee nach Hause bekommen muss. Männer geben ja ungern zu, dass sie einen Hänger haben. Ich oute mich da jetzt einfach mal.

Tatort Elfenschlucht.

Man möchte nicht meinen, dass hier ein Campingplatz ist. Man ist sich eher sicher, dass hier eigentlich überhaupt gar nichts ist. Weder Schilder noch irgendwelche Anzeichen von Zivilisation weisen den Anreisenden darauf hin, dass sich (laut Lisa, meinem Navi) in 300 Metern ein Endlager für dickbäuchige wohnwagenmietende Dauercamper versteckt. Und doch - da tauchen wie aus dem Nichts einen Kiosk, eine Schranke und einen Platzwart auf. Na dann ist ja alles gut, hier soll ich meinen neuen alten BOSCH 140S abholen. Elfenschlucht, wie? Ich sehe nur Felder und muchelndes Ostseewasser. Wie um alles in der Welt kommt jemand darauf, ausgerechnet hier seinen Sommerurlaub zu verbringen? Kennt man sich vielleicht schon seit Jahrzehnten und ist eine eingeschworene Gemeinde? Die Art von Bürger, die ohne jegliches Hintergrundwissen abends am Tisch mit der karierten Plastikdecke Politik machen? Egal. Ich packe meine Vorurteile mal zurück ins Handschuhfach.

Im Zeitalter der mobilen Kommunikation ist der freundliche, ältere Ebaybenutzer schnell ab meiner Anwesenheit benachrichtigt und kommt kurz darauf mit einer Sackkarre angekurbelt, auf der sich mein Schätzchen befindet. Ein BOSCH. Ich sagte das schon. Kennen Sie diese alten Dinger aus den späten 50er Jahren, denen man nachsagt, sie hätten den Stromverbrauch einer mittleren Kleinstadt? So ganz stimmt das nicht, aber ich schätze die Energieeffizienzklasse auf K oder L. Man sagt auch meinem Auto kopfschüttelnd nach, dass es den Benzinverbrauch eines Kreuzfahrtschiffes bei Gegenwind habe. Na und? Dann bleibe ich doch meiner Linie treu. Meine ganz persönliche CO2-Bilanz rette ich mit einem knackigen Salat heute Abend. Aber ab morgen gibt es wieder Fleisch!

Kaum zu glauben, dieses wunderschöne Gerät. Menschen kaufen sich Lamborghinis, die über 400km/h fahren können oder polieren an alten Bentleys rum, die teurer sind als mein kleines Häuschen. Ein Kühlschrank. Messingschienen. Funkelnde Metallkanten. Liebevolle Details zwischen Butterfach und Flaschenhalter. Metallenes Eiswürfelfach und der klassische Kinderfallen-Griff. Wenn zu, dann zu. Meine Kinder sind aus dem Alter raus, in dem sie sich in Kühlschränken verstecken. Ich kann mich ohnehin nicht erinnern, jemals einen gekannt zu haben, der das je getan hat. Dieser BOSCH ist ein Kunstwerk, ein funktionstüchtiges Relikt aus der Wirtschaftswunderzeit, als noch nicht über Prämien für die Verschrottung von alten Autos oder die Elektrifizierung des Individualverkehrs gesprochen wurde. Er ist aus dem Vollen gefräst und einfach nur - schön.

Kann es angehen, der schreibt einen ganzen Blog lang über einen alten Kühlschrank? Stimmt, jetzt wo Sie es sagen... Kann ein altes Kühlgerät als Symbol für eine Lebenseinstellung stehen? Ist dieses aus emailliertem Metall getriebene Saurierfragment eine Metapher der Midlife-Crisis? Darüber muss ich mal nachdenken. In Zeiten, wo ich mir alte Musiktruhen ins immer leerer werdende Wohnzimmer stelle (und meine Langspielplatten ausgrabe), wo ich einen 40 Jahre alten VW K70 wiederbelebe und die Plätze meiner Kindheit abfahre, wo ich mit meiner kleinen Tochter alle 52 Folgen der Zeichentrickserie Pinocchio gucke und schon jetzt wieder Holz für meinen Kaminofen hacke... in solche Zeiten passt auch ein alter Kühlschrank. Entschleunigung. Wie angenehm.

Nicht schimpfen. In meiner Küche steht ein ganz normaler Frigo von Privileg, nicht neu, aber sparsam. Und mein Audi fährt mit Flüssiggas. Ich bin gar nicht so schlimm :-) und doch tut es gut, auf ein paar alte Dinge zurück zu greifen. Es geht gar nicht um die "gute alte Zeit". Gäbe es heute Handys mit vernünftig großen Tasten, ich hätte eins. Sähe die Design-Micro-HiFi Anlage nicht so furchtbar aus, tauschte ich meine Musiktruhe ein. Wären aktuelle Autos nicht ein Konglomerat aus Plastik und Billigelektronik, ich hielte nicht so sehr an meinem Audi V8 fest. Zeitlos schöne Dinge haben immer Saison. Männerträume müssen erfüllt werden. Schön, wenn sie so simpel sind, oder?

Haben Sie auch so alten Krams, den Sie nicht hergeben wollen? Mein BOSCH wird auf Gartenfesten irgendwo mitten auf dem Rasen stehen und die Getränke kühlen. Er ist mein Freund in diesem Sommer, und wenn ich den Wetterbericht so höre, kann ich ein bisschen Kühlung noch weiterhin brauchen.

Sandmann


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