Zumindest normalerweise.
Ich gehöre nicht zu den Leuten, die auf schnelle Autos stehen. Das hat sich vielleicht rumgesprochen. Schumi war in der Formel 1 ganz okay, aber ich fand's in den 90ern immer doof, dass er einen Ferrari lenkte. Auch wenn er das recht gut gemacht hat, mir fehlte der Draht. Die roten Kisten waren irgendwie potent, aber auch prollig, laut, holperig und sowieso weit ab von dem, was ein normal sterblicher Mann bezahlen kann. Testarossa. Was soll das denn heißen? Pha. Und wie ich so hinter der Flunder mit den Segelohren hinterherfahre, kommen mir die gestrigen Worte des Besitzers in den Sinn. "Morgen fährst du ihn mal. Abgemacht!" Nun - heute ist "morgen". Mir wird ein bisschen anders, ein bisschen wie das Gefühl, wenn man in der Achterbahn sitzt und der Sicherheitsbügel einrastet. Kennen Sie das? Ob er sich noch an seinen Spruch erinnern kann...? Ayo Technology...
Kann er. Ich hab's befürchtet.
Wir sind am Rand der dritten Rallye Hamburg-Berlin-Klassik, und Fahrerwechsel sind im Reglement nicht erlaubt. Aber jetzt, nach Beendigung des offiziellen Tages und aller Zeitwertungen, sind wir wieder Privatleute. Alle beide. Er fährt keine Rallye und ich schreibe keine Berichte. Lass es mich erstmal spüren, das Auto, was ich mit einem ganz klaren Vorurteil behafte. Den konnte man sich damals nur leisten, wenn man mit Drogen handelt. Dabei wurde der Testarossa in den 80ern von durchaus ehrenwerten Menschen gefahren. Sonny Crockett und Ricardo Tubbs hatten in Miami Vice einen weißen Testarossa und jagten damit böse Drogenbarone. Ich dachte auch immer, dass Magnum einen fahren würde, aber das war ja ein 308 GTS. So genau konnte ich das damals halt nicht auseinanderhalten. Wir duzen uns. Ich schnalle mich an. Und dann fliegen die Pferde.
Hinter mir brüllen 12 Zylinder einen italienischen Schlachtruf, während das inzwischen 26 Jahre alte Pferdchen mit brutaler Bodenhaftung den Asphalt hinter sich aufkrempelt und wie an einer Schnur gezogen nach vorn drückt. Begeistert gucke ich mal hier, drücke mal da und mache das eine oder andere Foto, so es mir die Situation gestattet. Zwischen irgendwie billig wirkenden Armaturen und dem wohl größten Kosmetikspiegel der Automobilgeschichte brennen die 5 Liter Hubraum da hinten ein Feuerwerk ab. Nicht laut, aber ständig da. "Den kannst du wie einen Automatik fahren, der dritte Gang reicht eigentlich völlig." Ah? Und dann tritt er durch. Und ich glaube ihm, während die Landschaft entlang der Scheiben verschmiert. Das war der Dienstwagen von Crockett und Tubbs? Ich kann es kaum glauben.
Fahrerwechsel. Aaaaaahhhhh!!!!
Muss ich irgendwas beachten? "Nein. Kuppeln, mit Kraft die Gänge schalten, das genügt". Mit Kraft. Stimmt. Die Kulissenschaltung aus Metall verlangt ein gewissen Maß an Brutalität, einem Dacia wäre längst der Schalthebel abgebrochen. Aber nicht diesem Ferrari. RUCK und BRÜLL! Der rote Drehzahlmesser fliegt in Richtung 7000 Umdrehungen. "Fahr ihn weit aus, nicht zu früh schalten! Sei nicht so zimperlich!" Okayyyy.... Und in der Tat, der dritte Gang dreht einfach immer weiter. Er hört einfach nicht auf, schneller zu werden. Kerngesund verbrennt das Triebwerk im Nacken Mineralöl und setzt 395PS frei. Irgendwo tief in der Mittelkonsole kann ich weitere Instrumente ahnen. Und eine rote Digitaluhr. Die reale Welt der Stufenhecklimousinen verschwindet um mich rum. Dieses Auto ist nur aus einem Grund gebaut worden: Schnell fahren. Ich mach das einfach mal, wie auf Schienen, und sacke tiefer in die schwarzen Ledersitze. Und schon ist es auch wieder vorbei.
Aussteigen? Schwierig. Die großen Türen öffnen zwar weit, aber mir zittern ein bisschen die Knie und ich sitze gefühlt noch unter Asphaltniveau. Mit der Hand kann ich Mutter Erde streicheln. Dieser Wagen ist nichts für Rollatorbesitzer, aber da sind wir ja noch weit von entfernt. Uff. Mein Gesicht ist wieder faltenfrei, und ich werde den Rest des Abends lächeln, als hätte ich ein religiöses Erlebnis gehabt. Die roten Ventildeckel des flach bauenden mittigen 12-Zylinders geben diesem Auto seinen Namen. Roter Kopf. So kann man mich jetzt auch nennen. Was hat diese Fahrt mit mir gemacht? Plötzlich finde ich dieses Auto sexy und schiele ihm verträumt hinterher. Sind Männer eigentlich bescheuert? Ein Haus bauen, ein Kind zeugen, einen Baum pflanzen und... und einen Ferrari fahren. Herrlich.
Haben Sie auch schon einmal eine automobile Sünde begangen...?
Sandmann



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