Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Neue Technologien sind nötig, sind gut und sind vielleicht irgendwann auch wirklich umweltfreundlich.
Mir geht es nicht ums Madigmachen der kleinen, teuren Stromschleudern, wie sie seit ein paar Monaten in den gängigen Rubriken intensiv vorgestellt und beworben werden. Meist objektiv und kritisch, fast immer lobend, oft auch Hintergründe aufzeigend. Ich mache mich auch nicht lustig über Energiebilanzen, die vernachlässigen, dass Strom hergestellt werden muss, dass er bei umweltschonender Erzeugung momentan hoch subventioniert wird und dass Lithium-Ionen Akkus schwer, teuer und schlecht zu recyceln sind. Das überlasse ich den Fachmännern und Fachfrauen. Nein - lustig mache ich mich zum Beispiel über durchaus attraktive Elektromobile, für die man einen teuren Soundgenerator erwerben kann. Der dann auf Höhe des (vermeintlichen) Auspuffs auf Knopfdruck die Geräusche von acht verschiedenen Verbrennungsmotoren lebensnah auf die Straße brüllt. Hallo Männer? Was ist das denn für ein Film?
Ich mache mich weiterhin nicht generell über Vegetarier lustig, es soll jeder das essen, was er für richtig hält. Was mich konkret wahnsinnig macht sind militante Vertreter dieser Gattung auf einer Grillparty, die jedem, der es nicht hören will erklären, wie schädlich das doch alles sei. Und krebserregend. Dass alle Fleischfresser Mörder seien und dass dieser ganze ignorante Haufen hier sich auf dem besten Wege befände, die ohnehin schon böse Welt und unsere westliche Zivilisation zu ruinieren! Ah. Schon wieder. Und dann? Legen die selbsternannten Ethno-Päpste sich ein quietschendes Tofu-Schnitzel auf genau diesen Grill, würzen es mit allerlei echten Grillgewürzen (nachdem sie sämtliche Würste und Nackensteaks mit gerümpfter Nase beiseite geschoben und alles schön mit Alufolie gegen die Wärme geschützt haben) und streichen sich vegetabile Pflanzenpasten auf das schrumpelige Ergebnis. Dazu ein Schluck Bionade. Verstehen Sie meine parallelen Gedanken?
Wer kein Fleisch isst, sollte auch nicht auf Grillparties gehen oder sich zumindest auf die sozialen Kontakte dort beschränken. Wer nicht schwimmen kann, sollte sich von Freibädern fernhalten. Und wer mit Strom fahren will, sollte das auch konsequent tun können, ohne Soundgenerator, Benzinbeimischung oder halbgare PS-Boliden-Designs. Aber so weit ist die Technik noch lange nicht. Verschiedene Hersteller bauen oder entwickeln momentan lediglich Übergangslösungen mit Reichweiten, über die wir uns in 10 Jahren kringelig lachen werden. In dicke Luxuslimousinen werden Hybridantriebe verpflanzt, die unter dem Strich ein paar Liter einsparen und den Wagen doppelt so schwer machen. Solarzellen produzieren in ihrem Leben noch immer nur unerheblich mehr Energie, als ihre Herstellung verpulvert. Brennstoffzellen sind toll. Wasser gibt es noch eine Menge. Aber es ist gar nicht so leicht, gemeines Wasser (H2O) in zwei mal Wasserstoff (H) und ein mal Sauerstoff (O) zu spalten, um die Brennstoffzellen mit H zu betanken. Dafür braucht man nämlich eine Menge Energie. Vielleicht erzeugt man die ja mit den eben beschriebenen ineffizienten Solarzellen? Bin ich Ihnen zu polemisch? Gut. Dann denken Sie selbst und widerlegen Sie mich gern!
Der Sound! Was machen wir denn dann mit dem Sound??? Welcher autoaffine Mensch hat als Fußgänger nicht schon an der Ampelkreuzung gestanden, als neben ihm ein Smart losgefahren ist? SSSssssRRRhhhhhh*rassel* und weg. Aaaah! Jawohl, meine Damen und Herren, das ist der Fortschritt. Das ist die Zukunft! Und das Ding hat auch noch einen Verbrennungsmotor! Einen echten. Da wird Benzin zur Explosion gebracht und schmutzig und stinkend in Bewegung umgewandelt. Aber man hört geschweige denn spürt es nicht mehr! Ja ja, sie schreit auf, die Fraktion der Umweltschützer und belästigten Innenstadtbewohner! Sandmann wettert schon wieder gegen die Umwelt und den Fortschritt! Und setzt sich dann heute Abend ignorant in seine fette alte Benzinschleuder, rotzt 300 Gramm CO² pro Kilometer raus und trägt aktiv zum Klimawandel bei. Und macht sich über das Thema auch noch lustig! NEIN! Ich mache mich nicht über den Umweltschutz lustig! Ich sehe hier nur ein Bauchkribbeln, eine Sehnsucht, eine Bastion der Männer verschwinden! Motoren! Blubbernde, verölte Motoren! Es wird sie bald nicht mehr geben!!!
Ich bin ganz ehrlich, ich kann mit Elektroautos nichts anfangen! Ich bin klassisch in den 70ern aufgewachsen, mit den letzten Ausuferungen der großen Doppelvergaserfreunde. Meine Idole waren Ford Granada und Opel Diplomat. Jungs und Männer wollen die Motorhauben öffnen und was sehen. Sich über Leistung und Verbrauch unterhalten, hier und da Ölundichtigkeiten finden und den Geruch der langen, weiten Straße riechen. Oder nicht? Klar - vielleicht sehen Sie das ganz anders. Ich möchte und kann Ihnen sicherlich nicht vorschreiben, was Sie gut oder schlecht finden sollen. Ich guck ja auch keine Bundesliga und bin immer noch ein Mann. Die Weiterentwicklung des Individualverkehrs muss weg gehen vom Benzin, da gibt es nichts dran zu rütteln. Man sagt seit 30 Jahren, dass in 20 Jahren das Öl alle sei (und wir fahren noch immer damit herum). China fängt sogar gerade erst damit an! Aber irgendwann ist der Zeitpunkt gekommen, Öl wächst nun einmal nicht nach. Gut also, wenn wir eher gestern als übermorgen unsere Ingenieurskunst in eine alternative Richtung lenken. Aber ich bin traurig. Ich fühle mich, als wenn man mir bald das Grillen verbieten würde. Als wenn ich auf dem Fahrrad einen Helm tragen müsste. Als wenn Rotwein in die Verbannung geriete. Als wenn ein Stück meiner eigenen Geschichte demnächst irgendwann einmal nicht mehr existieren wird.
Ich bin noch nie mit dem Strom geschwommen. Vielleicht werde ich eines Tages mit ihm fahren müssen. Oder ich treibe durch eine anarchistische Endzeit-Welt, wie bei Mad Max, mit dem letzten V8. Unter den Solar-Lampen im Stadtpark (Bäume gibt es schon lange nicht mehr) treffen sich meine Enkel mit ihren Autos. Sie tragen meine Gene, also stehen sie mit geöffneten Motorhauben da und fachsimpeln über ihre Gefährte. "Boah, bei dir ist ein 2-Anker mit 5KW an jedem Rad drin? Wann ist da der Kohlebürstenwechsel fällig?" - "Noch lange nicht, der hat ja erst 12.000 Kilometer gelaufen. Aber bei Aldi gab's letze Woche die kleinen 2000-Ampèrestunden-Batterien. Hast du dir auch welche geholt, wegen Urlaubsreise und so?" - "Nee. Aber lass doch mal hören, wie leise deiner im Stand ist!" *srrrrrrr* klick "Cool. Man hört fast gar nichts. Liegt das an deinem Silence 3.1 Betriebssystem?" - "Ja, ich habe es mir übers Netz gezogen. Geht gut. Komm, lass mal tanken gehen, im Supermarkt um die Ecke gibt es drei neue Steckdosen." *srrrrrrhhhhh* *brrrrrhhhhhhh*
Aaaah. Neiiiiin. Wie furchbar. Wird es so kommen? Was denken Sie? Und vor allem - werden wir alle uns daran gewöhnen können? MÜSSEN?
Sandmann


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