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Auftanken der Seele

Written by Sandmann am 16.02.12  » People and Engines - Article

Eine kleine Geschichte über… nichts.

Strandgeschichten
Strandgeschichten

Strandgeschichten

Zeit. Das halbfinnische Fräulein Altona verweilt dieser Tage aus dem einen oder anderen Grund in Berlin und in Kölle, ist also temporarily not available, um es einmal wie mein Telefon auszudrücken. Meine minderjährige Brut treibt sich das bevorstehende Wochenende organisiert jenseits der Casa Sandmann rum. Und was mache ich selbst nun aus diesem unerwarteten Freizeit-Loch? Hm. Rudolf ist vollgetankt, und alles in mir drängt laut und eindringlich nach einer kleinen Pause. :-) Hallo Dänemark. Du kommst mal wieder wie gerufen. Was spricht gegen einen kleinen egomanen Roadmovie, nur ich und mein Auto und Musik über 200 Kilometer? Und am Ende der Strecke warten Wasser, ein Horizont und ein guter Freund in einem knusprig geheizten Haus. Das klingt gut. Also los.

Eine große, halbvolle Kanne Kaffee schwappt im Beifahrerfußraum hin und her. Die fehlende Hälfte schwappt bereits in mir drin und möchte schon relativ bald wieder das Licht der Welt erblicken. Aber entlang des gewählten Highways in Richtung Norden ist ja überall viel Platz zum rechts ran fahren :-)

Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern
Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern

Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern

Vermutlich war der eine oder andere von Ihnen noch nie oben bei den Wikingern? Wer ja? Wer nicht? Kiel hat den entscheidenden Vorteil der unmittelbaren Nähe zum Pølserland, denn Flænsborg, Hauptsitz der bundesdeutschen Pornoindustrie und letztes Kaff vor der Grenze zum Königreich ist gerade einmal 45 Minuten entfernt. Und den bergverwöhnten, mittel- und süddeutschen Ureinwohnern sei gesagt: das flacher werdende Land mit seiner unendlichen Weite hat eine unfassbar beruhigende Wirkung auf die Seele des Autofahrers.

Roadmovie im Eis
Roadmovie im Eis

Roadmovie im Eis

Eigentlich möchte ich alle paar Kilometer anhalten und pathetische Bilder vom einsamen Cowboy in der weiten Prärie machen – wäre das treue Ross nicht so belanglos. Er ist einfach nicht sonderlich fotogen, der Passat 35i, aber er erfüllt wieder einmal mehr seinen Zweck treu, sparsam und unspektakulär. Wenn ich morgen Abend wieder zurück bin wird der Tank noch nicht einmal halb leer sein. Auch das beruhigt ungemein, so sehr, dass ich manchmal vergesse wie viel Geld ich in meinem Leben schon für Treibstoff ausgegeben habe. Okay. Ein bisschen gelben, grenznahen Schnee zurücklassend geht die Reise weiter in Richtung Rømø, einer kleinen Insel in der Nordsee, wo jenes gut geheizte Haus steht.

Unterwegs mit mir allein

Unterwegs mit mir allein

Ach jaaa…. Auto fahren. Alleine unterwegs sein, ohne Zeitdruck, ohne am kommenden Tag arbeiten zu müssen und mit einem wunderbaren Ziel. Machen Sie das noch manchmal? Die meisten unserer Autofahrten verfolgen heute irgend einen beruflichen oder familiären Aspekt, und am Steuer erledigen wir in der vermeintlich toten Zeit viele vermeintlich nützliche Dinge. Telefonieren. Facebooken. Schlimmes Wort. Pläne schmieden. Ich nicht. Ich fahre einfach nur vorwiegend geradeaus, telefoniere nicht und lasse das Internet mal zu Hause. Also äh… fast. Vielleicht habe ich mich bei Facebook noch kurz mit einem kleinen Bildchen von der Autobahn abgemeldet, der Alltags-Entzug muss ja nicht so hart und endgültig durchgezogen werden… Und sonst? Zu meinem letzten Schluck schwappenden Kaffee im Thermobecher knabbere ich noch (heftig alles vollkrümelnd) ein frisches Croissant und korrigiere meinen Kurs alle paar Minuten marginal mit dem kleinen Finger am Lenkrad. 5. Gang, direkt nach der Grenze geht’s nach links runter von der Autobahn in Richtung Westküste – und mit 90km/h schnurrt Rudolf zufrieden dahin.

Papa will es schön warm haben

Papa will es schön warm haben

Dabei entwickelt das klimatische Management je nach Reisegeschwindigkeit ein interessantes Eigenleben. Draußen sind es heute tagsüber rund 10 Grad minus, hier drin in meinem Spar-Pendel-Kombi mindestens 30 Grad plus. Ich mag es warm. In langsam durchfahrenen Rechtskurven kommt aus dem Beifahrerfußraum eine kleine, aufdringliche Kaltfront nach oben. Wenn ich an Ampeln noch langsamer werde sorgt das Außenluft/Gebläseluft Mischverhältnis für kalte Füße und später bei über 100km/h wird die Luft aus den Strömungsdüsen wiederum so warm, dass ich sie von mir weg richten muss. Irgendwo auf der Ladefläche weit hinter mir knacken auftauende Plastikflaschen, und derart angenehm banal beschäftigt drehe ich, regel ich, richte ich und hab so meinen Spaß mit der erwärmten dänischen Landluft, die irgendwie urlaubend um mich herumschmeichelt.

Endlose gerade Straßen

Endlose gerade Straßen

Zwei Stunden ohne Beifahrer bedeutet außerdem zwei Stunden selbstbestimmter Musikgenuss. Musik, die ich hören kann ohne Rücksicht auf den Geschmack anderer. In einer Lautstärke, die nur meine Ohren betrifft. Was für eine Erfüllung. Nun zählen die werksseitig verbastelten Lautsprecher im sagenumwobenen Passat-Sondermodell “Pacific” sicherlich nicht zum oberen Messlattendrittel der High-Fidelity-Referenz, aber mit radioseitig satt angehobenen Bässen und Loudness-Brillianz lässt sich der Klang der Alben im alten Blaupunkt durchaus ertragen. Was haben wir hier? Die neue von Van Halen, na ja, die neue von Kettcar (gestern erst rausgekommen!), großartig, außerdem ein paar hier nicht näher genannte akustische Peinlichkeiten. Wie gesagt – ich bin ja alleine :-D Was für ein Luxus, einfach nur mal ein ganzes Album durchzuhören. Ohne Geskippe, ohne Gewechsel, einfach von vorn bis hinten durch. Und sich darauf einlassen. Grandios.

Der Damm auf die andere Seite
Der Damm auf die andere Seite

Der Damm auf die andere Seite

Ich könnte endlos so weiterfahren, kennen Sie das auch, wenn man manchmal gar nicht so recht ankommen möchte, weil der Weg so klasse ist? Ich gönne mir als Fan des Nordens ein bisschen Dansk Radio, hey. Und schon bin ich auf dem langen, langen Damm einmal quer durchs Meer rüber auf das Inselchen. Heute ist zwar Samstag und eigentlich Bettenwechsel-Verkehrs-Drama, aber im Februar jenseits aller Fünkchen von irgendwelchen Ferien (nicht mal im katholischen Bayern haben die jetzt frei) befinden wir uns in einer Saison außerhalb der alphabetischen Erfassung. Niemand fährt heute nach Rømø, abgesehen von mir und ein paar Eingeborenen, die auf dem Festland schnell noch überteuerten Alkohol besorgt haben, um die Einsamkeit zu ertragen.

Andächtige Zigarillopause
Andächtige Zigarillopause

Andächtige Zigarillopause

Was bedeutet, dass ich einfach mal mitten auf der Straße anhalten und den Horizont genießen kann. Ich muss noch nicht mal pinkeln. Es ist eigentlich ein bisschen zu kalt, um einen Vanille-Zigarillo wirklich entspannt zu paffen, aber auch das steht bei mir für ungefüllte Freizeit und wird natürlich nicht im Auto gemacht. Eine wunderbare, unwirkliche Landschaft eröffnet sich hier und erzählt vom ewigen Kampf der Menschen gegen das Wasser. Mensch ringt dem Wasser Land ab, Wasser holt es sich wieder zurück. Immer und immer wieder. Und alles liegt unter einer dicken Eisschicht, die weitere Geschichten von Stille und ewigen Kreisläufen erzählt.

Nordsee 02

Nordsee 02

Mich durchflutet trotz der klirrenden Kälte eine sanfte Ruhe und Gelassenheit. Der Sprecher des dänischen Oldiesenders knödelt gedämpft im Innern meines Autos unverständliches Kauderwelsch. Diese Sprache erinnert mich an einen besoffenen Jüngling, der heftig kotzen muss, während er eigentlich am Ersticken ist. Nach draußen dringen nur gegurgelte Fragmente, und dann beginnen die Beatles ihr abgedroschenes “Here comes the Sun” zu singen. Wunderschön, jetzt und hier. Ich paffe noch ein bisschen vor mich hin und kann den Blick kaum von dieser Linie zwischen Himmel und zugefrorenem Meer abwenden. Da bin ich also wieder. Einen Tag raus aus allem, was mich umtreibt.

Die fährt noch immer
Die fährt noch immer

Die fährt noch immer

Die Fähre rüber nach Syt kämpft sich träge durch die krachenden Eisschollen, als ich wieder einsteige. Mit ein bisschen Glück bekommt man hier sogar ab und an ein deutsches Handynetz, aber wen interessiert das? Roaming aus, mobile Daten aus, iPhone leise und Musik wieder lauter. Als mir ein paar drogengeschwängerte dänische Teenager einen Choral über eine aufstrebende Baumarktkette ins Ohr trillern, wechsel ich trotz aller Auslandsverbundenheit wieder zurück zur mitgeführten Konserve. Und dann bin ich da…

Durchatmen
Durchatmen

Durchatmen

Strand. Nicht der Strand, den Sie jetzt vor Augen haben, wenn Sie an Strand denken. Keine Palmen, keine braunen Leiber auf bunten Handtüchern und keine Eisverkäufer. Nicht mal Sand, der ist zwar da aber nicht zu sehen, weil er von Schnee und Eis bedeckt ist. Unter einem grauen Himmel schieben sich Eisschollen am Ufer entlang, ein paar Möwen fliegen planlos durch die Gegend und schreien irgendwie dänisch gegen den kalten Wind an. Meine warme Fellmütze und meine Handschuhe liegen trocken auf dem Sofa in Kiel, wo ich sie gestern Abend extra noch hingelegt hatte. Klar. Gut dass meine Haare noch recht dicht gewachsen sind, und so ein paar Thermo-Arbeitshandschuhe sind ja vielseitig einsetzbar.

Schöner sterben

Schöner sterben

Und nicht nur die wunderbare Whitney Houston ist heute gestorben, sondern auch eine kleine, unbedeutende aber vielleicht nicht weniger gesangsbegabte Amsel, die von irgend einem Kind liebevoll am Strand beerdigt wurde. Stilvoll mit Blick auf die zufrierende Nordsee, unter einem kleinen Sandhügel, garniert mit Muscheln und markiert mit einem Herz aus Eis. Mit einem unerwarteten Kloß der Rührung im Hals laufe ich weiter über den knirschenden Schnee, immer weiter, entlang der Linie zwischen Wasser und Land. Ich werde nicht müde, auf den Horizont zu blicken und an das zu denken, was wohl da hinter sein mag. Das Leben ist schön. Wieder einmal mehr. Und ich bin mir sicher, wenn ich irgendwann mal wieder anderer Meinung sein sollte, muss ich nur nach Dänemark fahren, aus dem Auto aussteigen und über das Wasser gucken. Dann wird alles wieder gut.

Das Ziel vor Augen
Das Ziel vor Augen

Das Ziel vor Augen

Wie schnell man doch dem Alltag den Rücken kehren kann. Wie nachhaltig hier plötzlich die kleinen Sorgen und Ängste wie gefrorene Gischt mit einem leisen Klirren zu Boden rieseln. Welche Bedeutung das Einfache bekommt und wie dankbar man sein kann für ein bisschen Zeit, für einen guten Freund und für einen Abend mit einer Gitarre und ein paar Flaschen Wein. Da, wo es warm ist. Ich tanke auf für das, was vor mir liegt. Und bin wieder bereit für den Alltag und das Leben. Wie machen Sie das? Vielleicht genau so?

Sandmann

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